30.07.2026 – Der Christus im Nebel – und plötzlich doch ein Wunder
Heute klingelte der Wecker schon um 6:30 Uhr. 24 Grad, bedeckter Himmel, aber trotzdem Sonnenschein – also eigentlich perfektes Wetter für unser heutiges Ziel: Cristo Redentor, die weltberühmte Christusstatue auf dem Corcovado.
Nach unserer Internet-Recherche sollte die Zahnradbahn Trem do Corcovado ziemlich voll sein. Deshalb beschlossen wir, es etwas cleverer zu versuchen und mit dem Shuttlebus hinaufzufahren. Wir bestellten ein Uber und ließen uns bis Paineiras Corcovado bringen.
Schon auf dem Weg dorthin merkten wir, dass die Natur offenbar noch mit den Nachwirkungen des Sturms vom Vorabend beschäftigt war. Überall lagen abgebrochene Äste herum, und Straßenarbeiter waren fleißig dabei, die Wege wieder freizuräumen. Interessant – im Hotel hatten wir von dem Sturm überhaupt nichts mitbekommen.
Um 8:15 Uhr kamen wir schließlich bei Paineiras an. Und dann die Überraschung: Wegen des Sturms vom Vorabend würde der Shuttlebus erst um 10 Uhr fahren. Na toll! Früh aufstehen, früh losfahren und dann erst einmal zwei Stunden warten. Das war nicht ganz der Plan.
Zum Glück gab es eine Alternative: Von hier konnten wir mit der Zahnradbahn weiterfahren. Sie fuhr etwa alle 15 Minuten und kostete 125 Reais, also sogar etwas weniger als die 131 Reais ab der Talstation des Trem do Corcovado. Und plötzlich hatte unsere ungeplante Variante sogar einen großen Vorteil: Wir waren fast die einzigen Passagiere. Also Tickets gekauft – und kaum waren wir fertig, kam auch schon die nächste Bahn. Die war zwar ziemlich voll, aber wir bekamen trotzdem noch freie Plätze. Die Fahrt führte durch den dichten Atlantischen Regenwald den Corcovado hinauf.
Und dann waren wir endlich oben.
Vor uns stand die riesige Christusstatue – allerdings nicht ganz so, wie man sie von den berühmten Postkarten kennt.
Sie stand mitten im Nebel.


Wir konnten noch kurz die Stadt und das Meer erkennen, dann zog sich eine weiße Wolkendecke über alles. Weg. Nichts mehr zu sehen. Nada! Das darf doch nicht wahr sein! Hatten wir heute etwa wieder dasselbe Pech wie damals in Ba Na Hills in Vietnam, als wir ebenfalls extra irgendwo hochgefahren waren und am Ende hauptsächlich Wolken anschauen durften?
Wir machten ein paar Fotos von der Statue. Viele andere Touristen schienen ebenfalls ziemlich enttäuscht zu sein und machten sich schon wieder auf den Weg Richtung Zahnradbahn. Aber wir hatten Zeit. Und immerhin regnete es nicht. Also beschlossen wir: Wir bleiben einfach hier und warten.

Manchmal muss man beim Reisen eben akzeptieren, dass der Wettergott einen eigenen Reiseplan hat. Wir machten ein paar experimentelle Fotos, liefen etwas herum und entdeckten schließlich hinter der Statue eine kleine Kapelle. Sie war geöffnet. Also ging ich hinein, setzte mich ein paar Minuten auf einen Stuhl und genoss die Ruhe. Auch im unteren Bereich fanden wir noch weitere Gebetsräume – und sogar eine Toilette. Sehr praktisch, denn wer hätte gedacht, dass der liebe Gott nebenbei auch noch eine öffentliche Infrastruktur betreibt?
Nach ungefähr einer Stunde gingen wir wieder zurück zur Statue. Und plötzlich passierte das kleine Wunder: Die Wolken zogen weiter!
Erst ein kleines Stück, dann immer mehr. Und auf einmal war die gesamte Aussicht frei.

Wow! Was vorher noch aussah wie ein Ausflug in eine Nebelmaschine, verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in eines der spektakulärsten Panoramen unserer Reise.

Jetzt konnten wir tatsächlich ganz Rio sehen.Links entdeckten wir das berühmte Maracanã-Stadion, dazu unzählige Gebäude, mehrere große und kleine Flughäfen und die unglaublich lange Ponte Rio-Niterói, die sich über die riesige Guanabara-Bucht zieht. Auch das Riesenrad und die Skyline der Innenstadt waren zu erkennen.

Direkt vor uns lag – ungefähr auf 12 Uhr – der Zuckerhut. Etwas rechts davon: Copacabana mit ihrem goldfarbenen Strand. Noch weiter rechts: Ipanema und davor die Lagoa Rodrigo de Freitas. Ein gigantisches Panorama! So viele Details, so viele Farben – wir konnten einfach nicht aufhören zu fotografieren.

Ein Bild nach dem anderen. Und noch eins. Und vielleicht noch eins zur Sicherheit. Man weiß ja nie, welches davon später das „wirklich gute“ ist.
Natürlich waren inzwischen auch deutlich mehr Menschen angekommen. Aber daran waren wir mittlerweile in Rio gewöhnt.

Zwischen den ganzen Touristen entdeckten wir sogar zwei kleine Eidechsen, die offenbar ebenfalls beschlossen hatten, die plötzlich wiedergekehrte Sonne zu genießen.

Irgendwann waren wir schließlich zufrieden und wollten gehen.Und da merkten wir, wie viel Glück wir eigentlich gehabt hatten: Der Zugang zur Kapelle war inzwischen gesperrt – ebenso die Toilette auf der oberen Ebene. Die Leute mussten unten lange anstehen, Männer und Frauen gleichermaßen. Puh! Da hatten wir wirklich den perfekten Moment erwischt.
Die Wolken verschwanden genau dann, als wir noch oben waren – und wir konnten vorher sogar noch ganz entspannt die Kapelle und die Toilette benutzen. Manchmal muss man beim Reisen eben einfach warten, bis das Glück wieder vorbeikommt.

Mit der Zahnradbahn fuhren wir wieder hinunter. Und obwohl wir schon einiges erlebt hatten, war der Tag noch jung. Also beschlossen wir: Ab zum Strand!
Diesmal ging es zum Flamengo Beach.
Der Strand ist ebenfalls sehr schön, aber deutlich ruhiger als Copacabana. Kaum Leute, viel Platz und eine schöne Aussicht auf den Zuckerhut.

Auf dem Wasser lagen zahlreiche Boote vor Anker. Vielleicht lag es auch daran, dass das Wasser hier durch die vielen Boote nicht gerade zum Baden einlud. Zumindest schien niemand große Lust darauf zu haben, hineinzuspringen.
Wir machten stattdessen einen schönen Spaziergang entlang des Strandes, genossen die Aussicht und ließen den Tag langsam ausklingen.

Leider ging es Michael am nächsten Tag nicht besonders gut. Wahrscheinlich hatte er sich beim Baden erkältet. Also beschlossen wir, einen Tag Pause einzulegen. Kein Sightseeing-Marathon, keine Busse, keine Bahnen, keine Sehenswürdigkeiten. Einfach Hotelzimmer, ausruhen und Kräfte sammeln. Auch das gehört zu einer langen Reise dazu. Schließlich kann man nicht jeden Tag auf einen Berg fahren, durch Rio spazieren und gleichzeitig erwarten, dass der Körper irgendwann nicht einfach sagt: „Jetzt reicht’s aber!“
01.08.2026 – Mit der Fähre zum UFO und nachts durch Copacabana
Heute ging es Michael wieder besser. Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zur Fähre. Unser Ziel: Niterói, die Stadt auf der anderen Seite der Guanabara-Bucht.
Die einfache Fahrt nach Praça Arariboia kostete gerade einmal 5 Reais, also ungefähr 80 Cent. Die Fähre war erstaunlich groß und sauber. Nach etwa 30 Minuten erreichten wir die andere Seite.
Und dort erwartete uns eine ganz andere Stadt. Von Praça Arariboia aus liefen wir Richtung Museu de Arte Contemporânea de Niterói, kurz MAC. Das Museum sieht aus, als hätte jemand ein UFO auf einen Felsen am Meer gestellt und anschließend vergessen, es wieder abzuholen.

Das futuristische, weiße Gebäude wurde vom berühmten brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer entworfen und 1996 eröffnet. Die Form erinnert an eine fliegende Untertasse oder eine riesige Blume. Das Gebäude ragt über die Küste und bietet normalerweise einen fantastischen Blick über die Guanabara-Bucht sowie auf Rio und Niterói.

Direkt in der Umgebung gibt es außerdem einen schönen Strand. Wenig Menschen, ruhig und entspannt – fast schon verdächtig ruhig für Rio.
Da wir am Abend noch einen wichtigen Termin hatten, wollten wir uns heute allerdings nicht zu viel Zeit für das Museum nehmen. Wir spazierten weiter, aßen etwas und machten uns gegen 16 Uhr wieder auf den Rückweg.
Denn am Abend stand etwas ganz Besonderes auf dem Programm:Party-Tour mit einem lokalen Guide durch Copacabana!

Unsere junge und hübsche Tourleiterin Deyse war offensichtlich genau für so etwas geboren worden. Wir waren eine kleine, angenehme Gruppe von nur fünf Personen und machten mehrere Stopps. Los ging es direkt an einer Strandbar an der Copacabana. 20 Uhr, 25 Grad, ein großer gelber Vollmond hing tief über dem Horizont.

Die Luft war angenehm warm, vom Meer kam eine leichte Brise – und in unserer Hand stand eine kalte Caipirinha. Also genau die Art von Abend, bei der man sich schon nach zehn Minuten fragt, warum man eigentlich jemals wieder nach Hause fliegen sollte.
In der Bar tanzten vier Tänzerinnen und Tänzer zu guter DJ-Musik. Irgendwann wurden auch wir auf die Tanzfläche eingeladen.
Und Deyse hatte natürlich noch eine weitere Idee:Tanzwettbewerb! Sechs Männer mussten zu einem Lied tanzen – Michael selbstverständlich eingeschlossen.
Wir Frauen hatten die wichtigste Aufgabe: Für jeden Kandidaten möglichst laut zu jubeln. Wer den lautesten Jubel bekam, gewann. Und der Preis? Eine Caipirinha. Das war offenbar Motivation genug. Am Ende konnten sich Ralf aus Paris und Michael gegen die Konkurrenz durchsetzen und wurden gemeinsam zu den Gewinnern erklärt.

Danach gab es noch Cachaça und weitere Bars. Und mit jeder Bar wurde die Stimmung lustiger.Wir tanzten viel, lachten viel und irgendwann hatte ich offenbar etwas zu viel Caipirinha und Cachaça erwischt. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird meine Erinnerung etwas… kreativ.
Ich kann mich jedenfalls nicht mehr genau daran erinnern, wie Michael uns zurück ins Hotel gebracht hat. Am nächsten Tag wusste ich dafür sehr genau, dass ich einen Kater hatte. Kopfschmerzen deluxe. Ich habe fast den ganzen Tag geschlafen. Erst nach dem Abendessen ging es mir wieder deutlich besser.
Also machten wir noch einen schönen Spaziergang am Wasser und bewunderten anschließend das Museu do Amanhã von außen.

Schon von außen ist das Gebäude beeindruckend: futuristisch, langgezogen und mit seiner markanten Architektur fast wie ein Raumschiff am Wasser. Der Entwurf stammt vom spanischen Architekten Santiago Calatrava. Das Museum beschäftigt sich mit Wissenschaft, Nachhaltigkeit und der Frage, wie unsere Zukunft aussehen könnte. Nachts, mit der Beleuchtung, wirkte das Gebäude noch futuristischer. Und wir dachten nur:Nach so einem Abend passt ein Museum der Zukunft eigentlich ganz gut. Wir waren selbst noch nicht ganz sicher, ob wir schon wieder in der Gegenwart angekommen waren.
03.08.2026 – Heute stand der nächste große Klassiker auf unserem Programm: Pão de Açúcar – der Zuckerhut.
Und schon während der Fahrt nach oben wurde klar: Die Aussicht hier ist völlig anders als vom Cristo Redentor.

Beim Zuckerhut geht es nicht darum, über die Stadt von ganz oben hinunterzuschauen. Stattdessen liegt Rio vor einem wie eine riesige Landschaftskarte – mit Bergen, Meer, Stränden, Hochhäusern und der Guanabara-Bucht.

Mit den berühmten Bondinhos, den Seilbahnen, ging es zunächst zur Mittelstation Morro da Urca und anschließend weiter auf den Zuckerhut.

Besonders interessant fanden wir dort die historischen Gondeln. Wir konnten die ersten beiden Generationen der Seilbahn sehen.

Die Geschichte des Bondinho reicht übrigens erstaunlich weit zurück: Der erste Abschnitt zwischen Praia Vermelha und Morro da Urca wurde bereits 1912 eröffnet, der zweite Abschnitt bis zum Zuckerhut folgte 1913. Die ersten Kabinen wurden damals sogar aus Deutschland importiert. 1972 wurde dann eine neue Generation der Seilbahn eingeführt. Schon allein die Tatsache, dass hier seit mehr als 110 Jahren Menschen mit einer Seilbahn auf den Zuckerhut fahren, ist beeindruckend.

Und wieder erleben wir Rio aus einer völlig anderen Perspektive. Nach dem Cristo Redentor haben wir nun praktisch beide großen Aussichtspunkte der Stadt „abgehakt“ – und beide zeigen uns ein anderes Gesicht von Rio.



