05.07.2026 – Endlich echter Amazonas: Vier Tage Dschungel statt WLAN
Heute war nicht der große Tag unserer Reise – sondern einer von vielen großen Tagen. Endlich ging es dorthin, worauf wir uns seit Wochen gefreut hatten: in den echten peruanischen Amazonas-Regenwald. Vier Tage, drei Nächte und hoffentlich jede Menge Abenteuer.
Zunächst fuhren wir mit dem Auto auf der einzigen Straße im Umkreis von rund 1.000 Kilometern von Iquitos nach Nauta, einem kleinen Ort noch tiefer im Dschungel. Auch Nauta ist letztlich nur über den Amazonas oder über diese eine Straße mit der Außenwelt verbunden.
Die knapp eine Stunde und 45 Minuten lange Fahrt fühlte sich weniger wie eine Straßenreise an als wie ein Slalomparcours auf einer Teststrecke für Stoßdämpfer. Schlaglöcher gab es in sämtlichen Größenordnungen, und unser Fahrer schien seine Aufmerksamkeit ungefähr zu 80 Prozent seinem Handy und zu 20 Prozent der Straße zu widmen. Irgendwie schafften wir es trotzdem unversehrt bis ans Ziel.

Dort mussten wir zunächst über einen kleinen Müllberg am Flussufer klettern, bevor wir in ein einfaches Holzboot – ein sogenanntes Voadeira – stiegen. Mit nichts weiter als einem kleinen Dach über dem Kopf ging es zwei Stunden flussaufwärts zur Jairo Amazon Lodge.
Wobei… „Lodge“ vielleicht etwas hoch gegriffen ist.

Treffender wäre wohl „Basecamp mitten im Dschungel“.
Die Unterkunft lag direkt am Rio Yarapa, einem Nebenfluss, der wenige Kilometer später in den Rio Ucayali übergeht. Ab Nauta trägt der Fluss dann den berühmten Namen Amazonas.

Luxus durfte man hier nicht erwarten. Das braune Flusswasser wurde hochgepumpt und diente zum Duschen, Händewaschen und sogar für die Toilettenspülung. Strom gab es nur wenige Stunden am Abend über einen Generator. Handyempfang? Fehlanzeige. Internet? Ebenfalls nicht vorhanden. Wir waren komplett von der modernen Welt abgeschnitten – und genau deshalb hier.

Immerhin verfügte jeder Gast über ein Bett mit Moskitonetz. Wir hatten sogar ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad.
Allerdings stellte sich schnell heraus, dass wir nicht die einzigen Bewohner waren. An der Badezimmerdecke thronte eine etwa zehn Zentimeter große schwarze Tarantel. Von diesem Moment an begann jeder Toilettengang mit einem prüfenden Blick nach oben. Man wollte schließlich wissen, ob unser achtbeiniger Mitbewohner noch an seinem Stammplatz saß oder inzwischen beschlossen hatte, unser Schlafzimmer zu erkunden.

Michael entdeckte außerdem einen äußerst kuriosen Wurm auf einem Holzstück. Das Tier sah tatsächlich aus wie eine lebende Nähnadel. Der Amazonas schafft es wirklich, einen ständig zu überraschen.

Nach unserer Ankunft stellte sich zunächst das Team der Lodge vor. Kurz darauf kehrte die Vormittagsgruppe von ihrem Ausflug zurück und alle bekamen ein einfaches, aber sehr leckeres Mittagessen. Zwei Gäste fuhren anschließend wieder zurück nach Iquitos, während drei junge Männer ebenfalls in der Lodge blieben.
Um 16 Uhr begann schließlich unser erstes richtiges Dschungelabenteuer. Mit dem Boot fuhren wir den Fluss entlang und hielten Ausschau nach Tieren. Nach etwa einer Stunden entdeckten wir hoch oben in den Baumwipfeln ein Faultier. Unser Guide pfiff laut – und tatsächlich bewegte sich das Tier. Zwar ungefähr in Zeitlupe, aber immerhin. Offenbar gilt für Faultiere das Lebensmotto: Nur keine unnötige Hektik.

Kurz darauf begegneten wir mehreren Affen. Der Anführer der Gruppe kam sogar ein Stück näher, um die seltsamen Zweibeiner im Boot genauer zu inspizieren. Vermutlich musste er erst einmal feststellen, ob wir eine Gefahr für seine Familie darstellten.

Mit der einsetzenden Dämmerung wurde es noch spannender. In der Ferne entdeckten wir mehrere Kaimane, die sich durch ihre orange leuchtenden Augen verrieten. Als krönenden Abschluss hing dann auch noch eine Amazonas-Baumboa völlig entspannt über dem Wasser von einem Ast. Offenbar war sie deutlich gelassener als wir.

06.07.2026 – Viagra-Bäume, Tarzan und sehr mutige Termiten
Heute ging es zu Fuß in den Regenwald hinter unserem Basecamp.
Unser Guide erklärte uns zahlreiche Baumarten und deren Verwendung.




Manche liefern hervorragendes Bauholz, andere eignen sich perfekt für Boote oder Paddel. Besonders interessant war allerdings eine bestimmte Holzart, die man in Alkohol einlegen kann. Trinkt man diesen anschließend…
…nun ja…
Viagra soll danach überflüssig sein.
Ich verzichtete dankend auf den Selbstversuch. Mit einem dauerhaften „Zelt“ durch den Dschungel zu laufen, klang nicht besonders praktisch.
Außerdem zeigte uns unser Guide, wie man aus den Wurzeln bestimmter Bäume tatsächlich Trinkwasser gewinnen kann. Faszinierend, was die Natur alles bereithält.

Natürlich begegneten wir auch zahlreichen Ameisen- und Termitenarten. Im Amazonas scheint wirklich alles ständig in Bewegung zu sein.

Termiten besitzen dabei gleich mehrere Talente. Zerreibt man sie in der Hand und reibt sich anschließend damit ein, sollen sie als natürlicher Mückenschutz wirken. Und wenn gerade nichts Essbares aufzutreiben ist, kann man sie ebenfalls verspeisen – reich an Proteinen und im Gegensatz zu vielen Ameisen völlig friedlich.
Da sie nicht beißen, wagten wir den Selbstversuch und probierten ein paar. Sagen wir es so: Sterneküche sieht anders aus.
Natürlich durfte auch ein kleiner Tarzan-Moment nicht fehlen. An einigen dicken Lianen schwangen wir uns durch den Dschungel. Laut unserem Guide halten diese problemlos über 300 Kilogramm aus – zum Glück, denn unfreiwillige Bodenkontakte mit dem Dschungelboden wollten wir lieber vermeiden.

Nach dem Mittagessen machte uns allerdings das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Es regnete stundenlang in Strömen, sodass unsere Nachmittagstour buchstäblich ins Wasser fiel.

Einige Gäste nutzten die Gelegenheit und gingen stattdessen im Fluss schwimmen. Piranhas gelten zwar längst nicht als so gefährlich wie Hollywood sie darstellt…
…allerdings schaut gelegentlich auch einmal ein ausgewachsener Kaiman vorbei. Und sechs Meter Körperlänge sind durchaus eine Größe, bei der man freiwillig auf eine Schwimmrunde verzichten kann.
Gegen Abend ließ der Regen endlich etwas nach – gerade genug, um uns zu einer kleinen Nachtwanderung durch den Dschungel zu motivieren. Kaum waren wir ein paar Meter unterwegs, begegneten wir einer beeindruckend großen Tarantel. Seelenruhig saß sie an einem Baum und spann ihr Netz für die nächste Mahlzeit. Offenbar war sie deutlich fleißiger als wir nach einem langen Tag im Regen.
Auf dem Rückweg entdeckten wir einen Baum voller Pacay-Früchte, die wir bereits vom Markt in Iquitos kannten. Diesmal mussten wir sie allerdings nicht kaufen – wir pflückten sie direkt vom Baum und genossen das süße Fruchtfleisch frisch aus der Natur. Frischer geht es wirklich nicht.
Doch der Dschungel hatte sein Abendprogramm noch nicht beendet. Auf der Terrasse vor unserer Hütte wartete bereits der letzte Darsteller des Tages: ein großer, leuchtend grüner Frosch. Er saß dort, als wäre er der Nachtportier unserer Unterkunft und wollte nur kurz kontrollieren, ob wir auch wirklich hier wohnen.

Wieder einmal zeigte der Dschungel, dass nach Sonnenuntergang keineswegs Feierabend ist – im Gegenteil: Nachts beginnt hier erst die eigentliche Vorstellung.
07.07.2026 – Rosa Delfine, Piranhas und ein Kaiman auf dem Arm
Noch vor Sonnenaufgang klingelte der Wecker.
Mit Stirnlampen bewaffnet fuhren wir zur Mündung des Rio Ucayali. Dort lassen sich am frühen Morgen zwei ganz besondere Delfinarten beobachten.


Zum einen die kleineren grauen Tucuxi-Delfine, die etwa 1,5 Meter lang werden. Zum anderen die berühmten rosa Amazonas-Flussdelfine, die bis zu drei Meter erreichen können.

Zunächst tauchten überall die grauen Delfine auf. Mal blitzte hier eine Rückenflosse auf, mal dort. Sie schienen entweder deutlich neugieriger oder einfach zahlreicher zu sein. Wenig später erschienen schließlich auch die rosa Delfine und schwammen direkt um unser Boot herum. Einige waren derart verspielt, dass sie bis zu zwei Meter hoch aus dem Wasser sprangen.


Zusammen mit dem Sonnenaufgang und den Nebelschwaden über dem Rio Ucayali war das einer dieser Momente, die man so schnell nicht vergisst.

Nach dem Frühstück ging es direkt weiter – diesmal zum Piranha-Angeln.
Zu viert, ausgerüstet mit Angelruten und Hähnchenresten vom Vortag als Köder, fuhren wir ein Stück den Fluss hinunter.

Kaum waren die Leinen im Wasser, begannen die ersten Bisse.
Angel einholen…
Köder weg.
Offenbar waren wir entweder zu langsam oder die Piranhas deutlich intelligenter als gedacht.
Nach einigen weiteren Versuchen hatte ich schließlich den ersten Fang des Tages am Haken: eine etwa zehn Zentimeter große Süßwassersardine.
Kurz darauf folgte tatsächlich ein etwa 15 Zentimeter großer roter Piranha.
Dann war Xin an der Reihe und fing ebenfalls eine rund 15 Zentimeter lange Süßwassersardine.
In der folgenden halben Stunde hatten die Fische allerdings offenbar beschlossen, nur noch kostenlos zu essen. Ständig verschwanden unsere Köder, aber kein einziger Fisch blieb am Haken.
Also wechselten wir die Stelle.
Dort hatte ich noch einmal Glück und fing einen etwa 15 Zentimeter langen Wels.
Damit beendeten wir die Angeltour.
Tagesbilanz: vier Fische.
Nur Xin und ich hatten Fangglück – alle anderen gingen leer aus.

Nach einer längeren Pause starteten wir am späten Nachmittag erneut mit dem Boot.
Diesmal hielten wir Ausschau nach Vögeln, Faultieren und Affen.

Wir entdeckten mehrere Chimango-Karakaras (eine Falkenart) sowie sogar eine Harpyie – den stärksten Greifvogel der Welt. Wenig später sprang auch wieder eine Affenfamilie munter durch die Baumwipfel. Diesmal eine kleine süße Art.
Mit Einbruch der Dunkelheit begann schließlich die Kaiman-Safari.
Wir fuhren in eine ruhige Lagune und warteten geduldig, bis es richtig dunkel wurde.

Tagsüber liegen Kaimane meist am Ufer oder auf dem Gewässergrund. Nachts kommen sie an die Oberfläche, um auf Nahrungssuche zu gehen. Unser Guide leuchtete mit seiner Taschenlampe das Wasser ab. Sobald ein Kaiman auftauchte, reflektierten seine Augen das Licht orange.
Nach etwa zwanzig Minuten entdeckten wir den ersten. Langsam paddelten wir näher heran, denn der Motor hätte ihn sofort verscheucht. Leider tauchte er genau im falschen Moment ab.
Also weiter.
Beim nächsten Versuch hatte unser Guide mehr Erfolg. Blitzschnell griff er den etwa 60 Zentimeter langen Kaiman im Nacken und hob ihn vorsichtig ins Boot. Natürlich wurden erst einmal Fotos gemacht.

Anschließend durfte ich den kleinen Räuber sogar selbst halten. Mit einem festen Griff blieb er erstaunlich ruhig in meinen Händen.

Xin verzichtete dankend auf dieses Vergnügen und überließ mir die Rolle des Kaimanflüsterers.
Nach wenigen Minuten setzten wir das Tier selbstverständlich wieder zurück ins Wasser. Die Erinnerungsfotos hatten wir schließlich bereits.
Beim Abendessen wartete dann noch eine ganz besondere Überraschung auf uns: undefinierbares Fleisch … mit verdächtig kleinen Rippen. Für einen Vogel eindeutig zu groß, für Schwein oder Rind viel zu klein. Das große Rätselraten begann.
Nach einer vorsichtigen Nachfrage kam die Auflösung: Es handelte sich um Pekari – eine Art Wildschwein des Amazonas. Mit unserem europäischen Wildschwein hat es allerdings wenig gemeinsam. Pekaris sind deutlich kleiner und werden nur etwa 50 Zentimeter hoch. Irgendwie beruhigend … oder vielleicht auch nicht.
Geschmacklich war das Fleisch durchaus interessant – wobei „interessant“ bekanntlich oft bedeutet, dass man es kein zweites Mal bestellen würde. Ein kulinarisches Highlight wurde es für uns jedenfalls nicht, und wir könnten gut darauf verzichten.
Für die indigene Bevölkerung hingegen gehören Pekaris seit jeher ganz selbstverständlich auf den Speiseplan. Im Dschungel isst man eben das, was der Wald hergibt – und heute waren offenbar wir an der Reihe, diese Erfahrung zu machen.
08.07.2026 – Schlamm, Macheten und ein unfreiwilliges Schlammbad
An unserem letzten Tag stand noch einmal eine ausgedehnte Wanderung durch den Dschungel auf dem Programm. Diesmal führte uns der Weg noch tiefer in den Regenwald.
Nach einer kurzen Bootsfahrt von etwa 15 Minuten begann der eigentliche Marsch.
Vorneweg lief unser Guide mit der Machete und schlug den Weg frei.
Es ging durch Schlamm, dichtes Unterholz und mehrere tiefe Wasserlöcher, die wir möglichst elegant am Rand umgingen.

Dank unserer Gummistiefel blieben die Füße zumindest halbwegs trocken.

Unterwegs begegneten wir erneut einer Affengruppe, die fröhlich zwischen den Bäumen hin und her sprang. Langsam hatten wir das Gefühl, von denselben Tieren regelmäßig begrüßt zu werden.
Auch unsere alten Bekannten, die Termiten, durften nicht fehlen.
Außerdem probierten wir den Saft eines Baumes, der von den indigenen Bewohnern traditionell gegen Magen-Darm-Beschwerden verwendet wird. Angeblich soll man danach ein bis zwei Tage lang keinerlei Probleme mehr haben. Wir waren gespannt.
Natürlich hielten wir unterwegs auch Ausschau nach Anakondas. Doch die riesigen Schlangen sind scheu und überwiegend nachtaktiv. Deshalb bekamen wir keine zu Gesicht.
Die Geschichten der Einheimischen klangen ohnehin deutlich beruhigender als Hollywood. Anakondas greifen Menschen normalerweise nicht an, sondern ziehen sich zurück, sobald sie jemanden bemerken – solange man sie nicht bedrängt.

Für den unvergesslichsten Moment des Tages sorgte schließlich allerdings nicht die Tierwelt. Sondern Xin.
Beim Umgehen eines Wasserlochs rutschte sie plötzlich aus.
Ich hörte hinter mir nur noch ein lautes „Platsch!“
Als ich mich umdrehte, lag sie der Länge nach im braunen Schlammwasser. Zum Glück war weit und breit keine Anakonda zu sehen – die hätte sich vermutlich vor Lachen selbst eingerollt.
Das Ergebnis: Wasser in den Stiefeln, komplett durchnässte Kleidung und eine Gruppe, die sich das Grinsen kaum verkneifen konnte. Selbst die Affen schienen ihren Spaß daran zu haben. Zum Mittag ging es dann zurück zur letzten Mahlzeit im Basecamp.
Nach dem Mittagessen traten wir schließlich den Rückweg an. Mit Boot und Auto ging es auf derselben Strecke zurück nach Iquitos.
Vier Tage ohne Internet, ohne Handyempfang und mit deutlich mehr Tieren als Menschen lagen hinter uns.

Morgen wartete bereits das nächste Kapitel unserer Reise – der Flug zurück nach Lima.









































































































































































































































