23.05.2026 – Ankunft im staubigen Abenteuerland
Heute hieß es wieder: rein in den Bus und Augen zu. Diesmal allerdings nicht mit irgendeinem schicken Reisebus, sondern mit einem lokalen Gefährt, das vermutlich schon bessere Jahrzehnte gesehen hatte. Der Bus war älter, leicht heruntergerockt und klapperte bei jeder Bodenwelle verdächtig, aber immerhin brachte er uns die gut 1,5 Stunden nach San Pedro de Atacama, ohne unterwegs auseinanderzufallen – also absoluter Erfolg.
San Pedro liegt auf etwa 2.400 Metern Höhe am Rand der Atacama-Wüste, irgendwo im Dreiländereck zwischen Chile, Argentinien und Bolivien. Die Umgebung klingt wie das Ergebnis eines kreativen Geografie-Lehrers: Wüsten, Vulkane, Geysire, Salzpfannen, heiße Quellen – alles dabei, außer vermutlich vernünftigen Straßen.
Gegen Mittag kamen wir an und checkten erst einmal im Hotel ein. Danach ging es direkt auf Erkundungstour durch die kleine Wüstenstadt. Natürlich nicht nur zum Spaß – wir hatten noch Organisatorisches zu erledigen. Am Hauptplatz liefen wir an einer uralten Kirche vorbei. Nicht die älteste Chiles, aber definitiv alt genug, um Geschichten erzählen zu können.

Danach marschierten wir die Fußgängerzone entlang – wobei „Fußgängerzone“ etwas romantisiert klingt. Eigentlich war es ein staubiger Sandweg mit kleinen Häusern links und rechts, in denen sich ein Touranbieter an den nächsten reihte.


Unser Ziel: eine One-Way-Tour nach Uyuni in Bolivien buchen. Also hieß es Preise vergleichen, Leistungen checken und versuchen herauszufinden, welcher Anbieter uns mit der höchsten Wahrscheinlichkeit lebend über die Grenze bringt.
Danach standen noch Autovermietungen auf dem Programm, denn die Gegend wollten wir natürlich auf eigene Faust erkunden. Überraschenderweise fanden wir tatsächlich ein gutes Angebot und mieteten einen Toyota Hilux für die nächsten zwei Tage. Abends im Hotel fiel dann auch die Entscheidung für den Touranbieter, der uns später nach Bolivien bringen sollte. Abenteuer gebucht – jetzt gab es kein Zurück mehr.
24.05.2026 – Schlaglöcher, Salzseen und fast abgefrorene Ohren
Nach einem wirklich sehr guten Frühstück holten wir gegen 10 Uhr unseren Mietwagen ab. Der erste Eindruck war… sagen wir mal „durchwachsen“. Der Toyota Hilux hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Hier ein paar Kratzer, dort ein paar zusätzliche Schrauben an der Stoßstange und auf der Ladefläche lagen noch ein paar Schippen Sand – vermutlich kostenlose Erinnerung an die letzte Wüstentour. Aber egal. Solange die Räder dranbleiben, wird gefahren.
Unser erstes großes Ziel: die berühmten Piedras Rojas beziehungsweise der Salar de Talar. Eine Landschaft wie aus einem Science-Fiction-Film. Rot leuchtende Felsen durch Eisenoxidation, weiße Salzflächen und hellblaue Lagunen – als hätte jemand bei Photoshop sämtliche Regler gleichzeitig hochgezogen.



Bevor man allerdings in diese Traumlandschaft durfte, musste man erst moderne Bürokratie überleben: Tickets online kaufen und den QR-Code irgendwo mitten im Nirgendwo in einem kleinen Haus am Straßenrand gegen ein echtes Papierticket eintauschen. Digitalisierung endet hier offenbar auf halber Strecke.
Die zweistündige Fahrt dorthin war bereits ein Abenteuer. Schneebedeckte Berggipfel am Horizont, Kakteenlandschaften, Vicuñas (die elegante Wildversion des Alpakas) überall neben und manchmal mitten auf der Straße. Die Straße selbst war zwar asphaltiert, aber mit Schlaglöchern versehen, die eher an ein militärisches Testgelände erinnerten. Unser Hilux musste Schwerstarbeit leisten.

Oben angekommen erwarteten uns etwa 5°C – gefühlt eher -5°C. Dank Internetbewertungen waren wir vorbereitet und zogen erstmal mehrere Kleidungsschichten, Schal und Handschuhe an. Eine Mütze wäre allerdings ebenfalls sinnvoll gewesen. Meine Ohren verwandelten sich jedenfalls langsam in tiefgekühlte Fischstäbchen. Xin hatte ihre Kapuze mittlerweile so tief ins Gesicht gezogen, dass zeitlang nur noch die Augen sichtbar waren.
Vom Parkplatz liefen wir etwa 20 Minuten zur Lagune – gemeinsam mit gefühlt halb Südamerika. Mindestens acht Tourbusse standen dort, dazu unzählige Autos. Einige Besucher waren perfekt vorbereitet, andere zitterten bereits in kurzen Hosen ihrem Schicksal entgegen.
Die Lagune selbst war absolut beeindruckend. Türkisblaues Wasser, weiße Salzablagerungen und kleine Inseln, die aussahen, als wären sie gefroren.



Ringsherum Berge mit über 5.600 Metern Höhe, obwohl wir selbst bereits auf etwa 4.200 Metern standen. Und genau das merkten wir plötzlich auch. Leichte Kopfschmerzen, Druck auf den Ohren – die Höhe meldete sich freundlich an. Zum Glück blieb es bei milden Symptomen, vermutlich dank unserer vorherigen Akklimatisierung in Calama und San Pedro. Zusätzlich hatten wir uns noch ein paar Coca-Bonbons besorgt, die angeblich gegen die Symptome der Höhenkrankheit helfen sollten. Diese Bonbons mit Coca-Extrakt sind hier völlig legal und gehören fast schon zur Standardausrüstung jedes Touristen in den Anden – in Europa hingegen wären sie eher ein Fall für den Zoll.

Allerdings müsste man vermutlich mehrere tausend Bonbons lutschen, um überhaupt ansatzweise eine Wirkung wie bei Kokain zu erzielen. Bis dahin hätte man wahrscheinlich eher Karies als irgendeinen Rausch. Wir hatten jedenfalls das Gefühl, dass die Coca-Bonbons bei uns wirkten – vielleicht ein echtes Wunder der Natur, vielleicht aber auch nur ein glorifizierter Placebo-Effekt. In jedem Fall schmeckten sie angenehm süß, was unsere Laune auf über 4.000 Metern Höhe definitiv hob.
Auf dem Rückweg stoppten wir noch an den Lagunen Miscanti und Miñiques. Über eine kurvige Schotterstraße ging es zu den wunderschönen Lagunen, wo wir endlich die ersten Flamingos sahen. Wir liefen etwa eine Stunde umher und genossen diese völlig surreale Landschaft.





25.05.2026 – Tiefkühltruhe mit Geysiren
Heute stand der Besuch der berühmten Geysire von El Tatio auf dem Plan. Weil wirklich jeder – Touranbieter, Internet und vermutlich auch der Hotelhund – empfahl, zum Sonnenaufgang dort zu sein, klingelte der Wecker um 4 Uhr morgens. Um 4:30 Uhr saßen wir bereits im Auto. Diesmal perfekt vorbereitet: mehrere Kleidungsschichten im Zwiebelprinzip. Ich trug vier Schichten, Xin ungefähr sieben und sah langsam aus wie ein Michelin-Männchen auf Expedition. Dazu endlich eine Mütze im „original chilenischen Style“ für ein paar tausend Pesos (etwas unter 4 €) .

Die Fahrt war… anspruchsvoll. Dunkelheit, Schlaglöcher, enge Kurven und praktisch keine Leitpfosten. Teilweise gab es immerhin Warnschilder für Kurven. Teilweise einfach nur Finsternis und Hoffnung. Trotzdem überlebten wir.
Nach etwa zwei Dritteln der Strecke machten wir einen kurzen Halt auf über 4.000 Metern Höhe und blickten in den Himmel. Und dieser Himmel war einfach unfassbar. Kein Licht weit und breit, Millionen Sterne – schöner als alles, was wir bisher gesehen hatten, selbst in Neuseeland. Kein Wunder, dass sich hier das ALMA-Observatorium und viele weitere Sternwarten befinden. Leider blieb kaum Zeit für lange Nachtaufnahmen. Für gute Sternenfotos braucht man Geduld, Belichtungszeit und vor allem funktionierende Finger – letzteres wurde bei der Kälte zunehmend schwierig.
Am Eingang der Geysire angekommen besorgten wir schnell die Tickets und fuhren weiter zu den mehr als 80 aktiven Geysiren. Wir befanden uns auf etwa 4.320 Metern Höhe – dem höchstgelegenen geothermischen Feld der Welt und dem drittgrößten überhaupt.

Die Vorstellung von meterhohen Wasserfontänen aus Filmen konnten wir allerdings direkt vergessen. Die meisten Geysire blubberten eher gemütlich vor sich hin, zischten ein wenig und produzierten gewaltige Dampfwolken. Einige schafften immerhin Wasserfontänen von 2–3 Metern Höhe. Dafür sorgte die eisige Morgenluft dafür, dass die Dampfsäulen mit 10 – 20 m besonders spektakulär aussahen.
Das Thermalbad war geschlossen. Angesichts von etwa -10°C Außentemperatur hatten wir ohnehin keinerlei Motivation, uns halb nackt ins Freie zu stellen.

Als langsam die Sonne aufging und die Berge in goldenes Licht tauchte, wurde die Landschaft plötzlich magisch. Sonnenstrahlen durchbrachen die Dampfwolken und sorgten für Bilder wie aus einem Fantasyfilm. Was wir sogar noch besser fanden als den Anblick bei Dämmerung.



Gegen 9 Uhr waren die meisten Tourbusse schon wieder weg, wir allerdings komplett durchgefroren und flüchteten zurück ins Auto.


Auf dem Rückweg stoppten wir noch an ein paar Aussichtspunkten und am Mirador de Machuca, wo erneut Flamingos zu sehen waren. Außerdem begegneten uns wieder einige Vicuñas neben der Straße.

Abends fuhren wir noch zu einem Aussichtspunkt mit Blick auf das Valle de la Luna – das Tal des Mondes.

Riesige Sanddünen, bizarre Felsformationen und glitzernde Salzkrusten sorgten tatsächlich dafür, dass die Landschaft ein wenig wie die Mondoberfläche wirkte. Dazu ein wunderschöner Sonnenuntergang – perfekter Abschluss eines ziemlich frostigen Tages.

26.05.2026 – Autovermietung auf chilenisch
Nach dem Frühstück wollten wir eigentlich nur entspannt den Mietwagen zurückgeben. Eigentlich.
Vor Ort standen wir allerdings vor einem verschlossenen Büro. Niemand da. Keine Bewegung. Kein Hinweis. Nur wir und ein Toyota Hilux mit fragwürdiger Stoßstangenkonstruktion. Also schrieben wir eine Nachricht an die angegebene WhatsApp-Nummer. Nach etwa 30 Minuten Warten kam endlich eine Antwort – natürlich auf Spanisch: „Heute kann leider niemand das Büro öffnen.“ Fantastisch. Also parkten wir den Wagen, schickten zurück: „Bitte Schlüssel im Hotel abholen“ – ebenfalls auf Spanisch – und hofften einfach auf das Beste. Zwei Stunden später tauchte tatsächlich jemand auf und holte den Schlüssel ab. Südamerikanische Gelassenheit in Reinform.
Den Rest des Tages verbrachten wir mit Reiseplanung. Der Grund war weniger entspannt: In Bolivien kommt es aufgrund sozialer Unruhen immer wieder zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Deshalb mussten wir unsere geplante Route Richtung Norden, La Paz und Titicacasee überarbeiten. Reisen bedeutet eben manchmal auch spontane Krisenlogistik.
27.05.2026 – Angriff der Lamas
Heute ging es mit zwei kostenlosen Fahrrädern vom Hotel zur „Quebrada del Diablo“ – der Schlucht des Teufels. Nachdem wir gestern aufgrund von Internet-„Fake News“ etwa zehn Minuten vor Schließung dort ankamen und direkt wieder umdrehen mussten, sollte es heute endlich klappen. Die gesamte Tour inklusive der Iglesia de San Isidro sollte etwa 25 Kilometer lang werden.
Zunächst ging es in die Schlucht hinein. Der Weg führte zwischen 20 bis 30 Meter hohen Felswänden hindurch und wurde stellenweise so eng, dass die Fahrräder gerade noch hindurchpassten. Dazu kamen mehrere hohe Stufen, bei denen man die Fahrräder eher schleppen als fahren musste. Trotzdem war die Strecke spektakulär.

Nach etwa drei Kilometern erreichten wir einen Aussichtspunkt, den man zu Fuß erklimmen konnte. Wegen unseres eher ungeeigneten Schuhwerks verzichteten wir allerdings auf den mehrere hundert Meter hohen Aufstieg. Stattdessen fuhren wir noch ein Stück weiter, bis der Weg zunehmend unbefahrbar wurde.

Zurück außerhalb der Schlucht in Richtung Iglesia de San Isidro begegneten wir plötzlich einer Herde Lamas. Die Tiere waren erstaunlich neugierig. Während ich versuchte, sie vorsichtig auf Abstand zu halten, bekam Xin völlig unerwartet eine Ladung Lama-Schleim direkt auf die Schulter geleckt. Zurück blieb eine braune, extrem streng riechende Flüssigkeit, deren Duft vermutlich auch in zehn Jahren noch in der Jacke hängen würde.

Nachdem die Herde weitergezogen war, musste erstmal eine Notfallreinigung durchgeführt werden.
Danach ging es weiter zur Iglesia de San Isidro – einer kleinen alten Kirche auf einem Hügel. Leider war sie geschlossen, sodass wir nur von außen einen Blick darauf werfen konnten.
Der Rückweg hatte es dann nochmal in sich. Die Straße war derart holprig, dass wir beide irgendwann kaum noch auf dem Fahrradsattel sitzen konnten. Unsere Fahrräder zuhause sind dagegen offenbar Luxusmodelle.
Natürlich trafen wir unterwegs erneut auf die Lama-Herde. Diesmal hielten wir allerdings Sicherheitsabstand ein, um weitere biologische Angriffe zu vermeiden.

Nach insgesamt vier Stunden kamen wir ziemlich erschöpft, leicht durchgerüttelt und mit neuer Lama-Erfahrung zurück ins Hotel. Den Rest des Tages ließen wir entspannt ausklingen – früh schlafen mussten wir ohnehin. Morgen startet bereits um 4:30 Uhr unsere dreitägige Tour Richtung Bolivien.








































































































































































