Roller, Linksverkehr und andere Abenteuer des gesunden Menschenverstands
Gestern gegen Mittag beschlossen wir, die Insel zu erkunden – stilecht auf einem Roller. Nicht so ein harmloser Tretroller, nein, ein ausgewachsenes 150-ccm-Monster, das schon im Stand vermittelte: Ich vergebe keine Fehler.

Entgegen sämtlicher Internetwarnungen wollte niemand meinen Führerschein sehen. Laut Gesetz eigentlich Pflicht, in der Praxis offenbar eher so eine Art unverbindliche Leseempfehlung. Kein Wunder also, dass hier alle fahren, als hätten sie gestern erst gelernt, freihändig zu laufen 😊😊
Also rauf auf den Roller. Die ersten Meter waren… sagen wir: pädagogisch wertvoll. Immerhin hatte ich seit etwa zehn Jahren nicht mehr auf so einem Ding gesessen. Kaum lief es halbwegs rund, kam die nächste Herausforderung: Linksverkehr. Indonesien eben. Auch das lag ungefähr zehn Jahre zurück, damals in England – und das war mit Auto und nicht mit einem Gefährt, das bei Unsicherheit sofort beleidigt wirkt.

Auf dem Weg zur Tankstelle (Tank war nur zu einem Viertel voll) wechselte ich an einer Kreuzung erstmal instinktiv nach rechts. Kleine Korrektur, kurzer innerer Monolog, dann links weiter. Ab da lief alles erstaunlich gut 😊
Golo Miri – Weltpolitik trifft Beachclub
Unser erstes Ziel: Golo Miri, ein Veranstaltungs- und Konferenzzentrum, das für den 42nd ASEAN Summit 2023 gebaut wurde. ASEAN ist eine regelmäßig stattfindende Konferenz südostasiatischer Staaten zu wirtschaftlichen, politischen und sozial-kulturellen Themen – also sehr ernst. Das Gelände dagegen wirkte wie eine Mischung aus Regierungsviertel, Naturpark und Instagram-Falle. Mehrere Hektar, ein riesiger Konferenzsaal, Amphitheater, Aussichtsdeck mit Blick über die Buchten, Beachclub – und natürlich ein Helipad auf dem Wasser, weil… warum nicht? Wahrscheinlich erklärt das auch, warum die Zufahrtsstraße perfekt ausgebaut war: echte Kreisverkehre, Entwässerung, alles. Luxus pur.

Der Eintritt kostete 40.000 IDR (ca. 2 €), inklusive Getränk im Beachclub. Nach dem Eingang fuhren wir noch ein paar Minuten über die top ausgebaute Straße, die sich allerdings gelegentlich mit Affen und Ziegen teilte. Diese lagen völlig entspannt mitten auf der Fahrbahn. Hupen? Interessierte sie ungefähr so sehr wie uns die Frage nach ihrer Meinung.



Vorbei an einem Hügel mit grandiosem Ausblick und einem Leuchtturm – der sich später als reine Attrappe entpuppte – kamen wir zum eigentlichen Konferenzzentrum. Der große Saal war wegen einer Veranstaltung gesperrt, aber Aussichtsdeck, Beachclub und Strand waren zugänglich.


Eigentlich der perfekte Tagesabschluss: richtiger Ort, richtige Zeit. Leider hatten die Wolken andere Pläne. Aus dem Sonnenuntergang über dem Meer wurde nichts. Also Rückfahrt im Dunkeln – immerhin mit funktionierendem Licht, das wir bei der Anmietung extra überprüft hatten. Im Gegensatz zu diversen anderen Rollerfahrern, die offenbar auf Nachtsicht vertrauten.
Google Maps und der rote Lehm des Scheiterns
Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, starteten wir Richtung Norden zu ein paar Stränden und Aussichtspunkten. Anfangs alles gut: Straße, ein paar Regentropfen, entspannte Fahrt. Dann meldete Google Maps: „Sie sind fast da.“
Wir waren im Nirgendwo.
Erst neuer Asphalt, dann Schotter, dann Baufahrzeuge. Die Straße wurde zu einem Vorschlag, dann zu einer Idee und schließlich zu rotem Lehm. Da es weder Absperrungen noch Menschen, die uns aufhielten, gab, fuhren wir weiter – bis endgültig Schluss war.
Der Strand würde eines Tages sicher angebunden werden. Heute nicht.
Mit lehmverschmierten Schuhen und einem Roller, der aussah, als hätte er einen Feldversuch hinter sich, traten wir den Rückweg an. Unterwegs noch ein paar schöne Aussichtspunkte – leider teilweise ziemlich vermüllt. Aber man fotografiert ja bekanntlich den Horizont und nicht den Müll unter den eigenen Füßen 😊


Sylvia Hill – Schweiß gegen Aussicht
Nächstes Ziel: Sylvia Hill. Keine Ahnung, woher der Name kommt. Vielleicht ist hier irgendwann mal eine Sylvia abgestürzt? Harmlos war der Hügel jedenfalls nicht: etwa 100 Höhenmeter über steiniges Gelände, 31°C, pralle Sonne. Oben angekommen: ein sensationeller 360°-Rundblick. Berge im Norden und Süden, Strände, Meer und Inseln auf den anderen Seiten.



Dann ein Dröhnen: Ein Flugzeug im Landeanflug. Im Südosten begann direkt am Hang die Start- und Landebahn des Flughafens. Vom Sylvia Hill aus konnte man beobachten, wie das Flugzeug zwischen den Hügeln verschwand.
So anstrengend der Aufstieg war – der Ausblick machte alles wett.
Ruhiger Abend? Natürlich nicht.
Zurück in der Stadt wollten wir essen und einen ruhigen Abend verbringen. Dachten wir.
Stattdessen dröhnte die ganze Nacht laute Musik vom Hafen durch die Stadt. Erst am nächsten Morgen klärte sich alles: Die Bevölkerung feierte den Jahrestag der Eigenständigkeit bzw. Unabhängigkeit. Ganz genau haben wir es nicht verstanden – aber gefeiert wurde gründlich. Zum nächsten Frühstück war es dann wieder ruhig.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.