Schlagwort: Bolivien

  • Zurück nach Chile (oder die Zivilisation)

    07.06.2026 – Da sich die Situation in Bolivien leider überhaupt nicht verbessert hat, bleiben weiterhin sämtliche Straßen gesperrt. Unsere Weiterreise von Potosí nach Sucre können wir damit komplett vergessen. An La Paz ist erst recht nicht zu denken. Da es in Potosí wegen der Höhenlage keinen Flugverkehr gibt, blieb uns nichts anderes übrig, als am 05.06. wieder mit dem Bus von Potosí zurück nach Uyuni zu fahren.

    In Uyuni haben wir uns dann noch zwei Ruhetage gegönnt, damit ich mich von meiner Erkältung erholen kann. Hier liegt man nicht ganz so hoch wie in Potosí und es ist sogar etwas wärmer – also nur noch zwischen 12 und -6 Grad. Fast schon Badeurlaub. Als wir dann Flugtickets von Uyuni nach Cusco kaufen wollten, gab es plötzlich auch keine mehr. Ob der Flughafen Uyuni ebenfalls vom Stillstand betroffen ist oder ob einfach alles ausgebucht ist, weil Flugzeuge momentan das einzige sichere Verkehrsmittel sind, konnten wir leider nicht herausfinden. Die nächsten verfügbaren Tickets gibt es erst ab dem 11.06. Noch drei weitere Nächte in Uyuni wollten wir aber nicht bleiben. Also ist die beste Alternative für uns momentan, am 08.06. mit dem Bus zurück nach Calama in Chile zu fahren und von dort nach Peru zu fliegen. Das ist sogar deutlich günstiger.

    Heute, am Sonntag, sind wir nach dem Frühstück zum Busbahnhof gelaufen. In der Stadt fand wieder der Markt statt. Im Vergleich zu letzter Woche war er allerdings deutlich kleiner – vielleicht noch ein Drittel der Größe von dem, was wir zuvor gesehen hatten. Kein Wunder: Wenn Lebensmittel und Benzin immer knapper werden, womit sollen die Leute überhaupt noch hierher kommen und ihre Waren verkaufen?

    Auch die meisten Restaurants waren geschlossen. Die ein oder zwei geöffneten Lokale hatten nur ein sehr eingeschränktes Angebot. Mir tun die Einheimischen wirklich leid. Für uns Reisende ist die Situation natürlich ebenfalls unangenehm, aber wir können irgendwann weiterziehen – die Menschen hier müssen bleiben. Wir liefen wieder durch die Marktstände, diesmal allerdings ohne Begleitung von Bruno. Hoffentlich geht es ihm gut. Warum sehen wir ihn nicht mehr? Ist er krank geworden? Oder am Ende sogar verhungert?

    Am Busbahnhof haben wir ihn schließlich wieder gesehen! Allerdings lag er auf dem Boden und schlief tief und fest. Michael hat ihn sogar leicht angestupst, aber Bruno rührte sich nicht. Wir beschlossen, morgen noch einmal nach ihm zu schauen.

    Danach kauften wir unsere Bustickets bei einem Anbieter namens „Buses Fronteras“. Angeblich eine etablierte Firma mit halbliegenden Sitzen und Toilette an Bord. Das bestätigte uns zumindest die Verkäuferin. Preis: 200 Bolivianos pro Person.

    Ich dachte: Endlich keine Sorgen mehr wegen der Toilette.

    Spoiler: Das dachte ich nur.

    Auf dem Rückweg liefen wir erneut durch die Stadt. Auf einem Platz fand offenbar gerade eine Versammlung statt. Viele Frauen in traditioneller Kleidung sangen und tanzten im Kreis. Auf einer Bühne standen Musiker und eine Sängerin.

    Wir blieben neugierig stehen und schauten eine Weile zu. Plötzlich kam eine ältere Dame in traditioneller Kleidung auf uns zu. Zuerst drückte sie uns zwei Zettel in die Hand. Irgendetwas mit „Iglesia“, also Kirche. Vermutlich eine Art Gottesdienst oder religiöse Feier.

    Dann hakte sie sich links und rechts bei uns unter und zog uns kurzerhand in den Tanzkreis. Die Leute schienen begeistert zu sein, dass die beiden Aliens – äh, Ausländer – mitfeierten. Sofort wurde die Stimmung noch ausgelassener. Es wurde lauter gesungen, mehr getanzt und einige machten sogar Videos von uns.

    Ich fand das herrlich und machte einfach mit. Wie schlimm kann ein bisschen Singen und Tanzen schon sein?

    Für Michael zitierte zwischendurch immer spaßeshalber die Warnungen des Auswärtigen Amtes 😀. Zwischen Gesang und Musik hörte ich immer wieder Sätze wie:„Wir sollten uns von Menschenansammlungen und Demonstrationen fernhalten!“

    oder„Jetzt landen wir auf YouTube!“

    oder sogar„Wir werden bestimmt bald verhaftet!“

    Die Oma zwischen uns war dagegen überglücklich. Sie sang lautstark, tanzte voller Energie und schien den Tag ihres Lebens zu haben. Nach etwa fünf Minuten war der Tanz vorbei. Wir bedankten uns herzlich und gingen weiter.

    08.06.2026 – Heute hieß es wieder: Aufstehen um 4:30 Uhr. Wir sollten um 5:30 Uhr am Busbahnhof sein, denn die Abfahrt war für 6:00 Uhr geplant.

    Als wir dort ankamen, sahen wir Bruno wieder! Und diesmal nicht allein, sondern mit zwei weiteren Hundefreunden – lebendig, gesund und bester Laune.

    Er erkannte uns sofort wieder. Seine Freude war so groß, dass er wie verrückt herumsprang und mit dem Schwanz wedelte. Erst da fiel mir wieder auf, wie riesig er eigentlich ist. Als er sich aufrichtete, war sein Kopf fast auf meiner Höhe und er hätte mir beinahe das Gesicht abgeschleckt! Ich bekam kurz Panik und drehte mich lieber weg.

    Daraufhin sprang er zu Michael, der ihm den Kopf kraulte. Die beiden anderen Hunde ließen sich von Brunos Begeisterung anstecken und wuselten fröhlich um Michaels Beine herum. Das sah wirklich lustig aus.

    Wir waren jedenfalls sehr erleichtert, dass es Bruno gut geht. Leider rückte irgendwann der Abschied näher.

    Wir mussten zum Busunternehmen, um noch ein Formular für die Ausreise aus Bolivien auszufüllen. Dort erhielten wir dann die erste Überraschung des Tages: Heute würden wir mit einem kleinen Van fahren.

    Nichts mit halbliegenden Sitzen.

    Nichts mit Toilette. Natürlich nicht.

    Der Fahrer lud zunächst das gesamte große Gepäck aufs Dach. Danach tauchten immer mehr Passagiere auf. Mittlerweile war es schon 6:20 Uhr. Von den 16 Sitzplätzen waren bereits 14 belegt. Dann kamen plötzlich noch fünf Erwachsene und drei Kinder dazu.

    Michael meinte sofort:„Das kann doch gar nicht funktionieren!“

    Ich dachte kurz, vielleicht würden sie jetzt doch einen größeren Bus organisieren.

    Von wegen.

    Irgendwann holte der Fahrer einfach zwei kleine Hocker hervor. Eine Frau setzte sich neben den Fahrer, ihr Mann zwischen sie und die Tür. Beide hielten jeweils ein kleines Mädchen auf dem Arm. Ein weiterer Mann stand im Gang. Problem gelöst. Zumindest nach bolivianischer Definition.

    Kurz nach 6:30 Uhr setzte sich der völlig überfüllte Van mit Verspätung in Bewegung. Bis zur Grenze dauerte die Fahrt fast vier Stunden.

    An der bolivianischen Grenzkontrolle folgte dann die Pass- und Gepäckkontrolle. Wobei „Kontrolle“ vielleicht etwas übertrieben ist. Es wirkte eher wie eine feierliche Zeremonie des Koffer-Anschauens. Der Scanner funktionierte jedenfalls nicht.

    Michael meinte trocken:„Was soll man eigentlich aus Bolivien herausschmuggeln? Es gibt ja sowieso fast nichts mehr.“

    Anschließend mussten wir das Fahrzeug wechseln. Auf der Übergangsbereich zwischen zwei Länder wartete bereits ein chilenischer Van mit etwa 18 Sitzplätzen auf uns. Da der Passagier, der zuvor die ganze Strecke im Gang gestanden hatte, schon vor der Grenze ausgestiegen war, bekam nun immerhin jeder Erwachsene einen eigenen Sitzplatz.

    Danach folgte die Pass- und Gepäckkontrolle auf chilenischer Seite. Rund eine halbe Stunde später waren wir wieder in Chile.

    Gegen 16:00 Uhr erreichten wir schließlich Calama. Seit unserem Eintreffen am Busbahnhof in Uyuni waren inzwischen mehr als 10,5 Stunden vergangen.Ich war ziemlich müde.

    Morgen geht es weiter nach Cusco in Peru. Ein neues Land, neue Eindrücke und bestimmt auch neue Abenteuer warten bereits auf uns.

  • Bolivien – Potosi Corpus Christi

    04.06.2026 – Leider ging es mir heute immer noch nicht besser. Nach dem Frühstück schleppten wir uns trotzdem in die Innenstadt. Zum einen brauchte ich Medikamente gegen meine Erkältung, zum anderen wollten wir uns noch die Kathedrale anschauen.

    Auf dem Plaza 10 de Noviembre herrschte bereits am Vormittag ungewöhnlich viel Betrieb. Überall sahen wir festlich geschmückte Straßen, bunte Dekorationen und Menschen in Uniformen.

    Viele kamen offenbar gerade aus der Kirche. Daneben waren zahlreiche Besucher in traditioneller Kleidung unterwegs. Aus der Kathedrale strömten immer mehr Menschen auf den Platz. Zunächst wussten wir nicht, was los war. Kurz darauf wurde jedoch klar, dass ein großer Festumzug unmittelbar bevorstand.

    Die Straßen füllten sich zusehends, Gruppen positionierten sich entlang der Route, und überall lag diese besondere Mischung aus Vorfreude und leichter Anspannung in der Luft, die man vor großen Veranstaltungen spürt.

    Dann setzte sich der Umzug in Bewegung. Wie wir später feststellten, ist der 4. Juni ein kirchlicher Feiertag namens „Corpus Christi“ und wird mit diesem großen Aufwand nur in Potosi und 3 anderen Städten Südamerikas gefeiert. Musikkapellen marschierten durch die Straßen, begleitet von festlich gekleideten Teilnehmern. Überall wurde fotografiert, gewunken und gelacht. Wir nutzten die Gelegenheit, um den Cathedral noch von innen zu sehen.

    Danach haben wir Mercado Central besucht und etwas Bargeld gewechselt. Anschließend wollten wir noch ein Kloster besichtigen. Die Öffnungszeiten standen zwar gut sichtbar an der Eingangstür, allerdings war weit und breit kein Mitarbeiter zu sehen. Auch der Ticketschalter blieb unbesetzt. Wir warteten eine Weile vor dem Eingang. Nichts. Wir schauten noch einmal auf die Öffnungszeiten. Immer noch nichts. Offenbar hatte man beschlossen, früher Feierabend zu machen. Vermutlich waren wir die einzigen potenziellen Besucher des Tages. Schade – manchmal gewinnt in Südamerika eben die Lebensqualität gegen den Dienstplan.

    Am Abend begegneten wir dem Festumzug dann noch einmal zufällig auf dem Rückweg vom Abendessen. Und diesmal war er sogar noch beeindruckender. Zahlreiche festlich geschmückte Fahrzeuge rollten durch die Straßen. Viele waren mit silberfarbenen Ornamenten dekoriert.

    Kinder, Jugendliche und Erwachsene trugen aufwendige Kostüme und bewegten sich elegant im Rhythmus der Musik. Die traditionellen Trachten, die Farben und die Atmosphäre wirkten auf uns ausgesprochen exotisch und faszinierend. Besonders die Kinder waren unglaublich niedlich und schienen ihre Rolle im Umzug sehr ernst zu nehmen. Gleichzeitig hatten sie sichtlich Spaß daran.

    Als die Dunkelheit einsetzte, entstand eine ganz besondere Stimmung. Die Kathedrale war beleuchtet, die Musik hallte durch die Straßen, und über der Stadt spannte sich der dunkle Andenhimmel. Für einen Moment wirkte Potosí fast märchenhaft.

    Später am Abend ging Michael noch auf die Dachterrasse unseres Hotels. Von dort oben konnte er einige schöne Fotos der nächtlichen Stadt machen. Selbst der Cerro Rico zeichnete sich noch als dunkle Silhouette am Horizont ab.

    Während ich unten versuchte, meine Erkältung auszukurieren, genoss er den Ausblick. Irgendjemand musste schließlich die Fotos machen.

  • Bolivien – Potosi eine historische Bergbaustadt

    03.06.2026 – Heute ging es mir überhaupt nicht gut. Kopf-, Hals- und Schnupfenschmerzen machten mir zu schaffen. In der Nacht konnte ich kaum schlafen. Immer wieder wachte ich auf und hatte das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Die Kombination aus über 4.000 Metern Höhe, extrem trockener Luft und einer Erkältung kann ich wirklich niemandem empfehlen.

    Bis zum Mittag ruhte ich mich deshalb im Hotel aus. Danach raffte ich mich trotzdem auf, gemeinsam mit Michael ins Zentrum zu gehen. Vom Hotel sind es eigentlich nur fünf bis zehn Minuten zu Fuß – unter normalen Umständen also ein Katzensprung.

    Heute fühlte sich dieser Katzensprung allerdings eher wie eine Alpenüberquerung an. Zeitweise bewegte ich mich ungefähr mit der Geschwindigkeit einer 95-jährigen Oma mit zwei kaputten Hüften. Selbst ein besonders motivierter Pinguin hätte mich vermutlich überholt.

    Unser Ziel war das Nationale Münzmuseum von Potosí.

    Schon beim Betreten fiel uns auf, dass wir die einzigen ausländischen Besucher waren. Unsere Museumsführer erzählte uns, dass normalerweise rund 200 internationale Gäste pro Tag vorbeikommen würden. Offenbar hatten die aktuellen Unruhen und Straßensperren den Tourismus nahezu zum Erliegen gebracht.

    Neben uns war nur noch eine größere Gruppe von Schulkindern unterwegs. Die Kinder beobachteten uns neugierig, begrüßten uns aber ausgesprochen freundlich. Immer wieder wurde gelacht und gewunken. Ihre herzliche Art machte den Besuch sofort sympathisch.

    Das Museum selbst war sehr interessant. Das Gebäude beeindruckt nicht nur architektonisch, sondern erzählt auch die Geschichte einer Stadt, die einst zu den reichsten Orten der Welt gehörte.

    Der Reichtum kam aus dem nahegelegenen Cerro Rico, dem berühmten „reichen Berg“, der bis heute abgebaut wird. Unter dem Berg befinden sich gewaltige Silbervorkommen.

    Während der spanischen Kolonialzeit floss von hier ein großer Teil des Silbers nach Europa. Potosí wurde dadurch zu einer der wohlhabendsten Städte der Welt. Für die einheimische Bevölkerung brachte dieser Reichtum allerdings wenig Gutes. Hunderttausende Indigene und afrikanische Sklaven mussten unter grausamen Bedingungen arbeiten. Viele überlebten die Arbeit in den Minen nicht. Traurigerweise sind die Bedingungen für die Bergarbeiter auch heute noch äußerst hart. Die Arbeit ist gefährlich, staubig und gesundheitsschädlich. Zwar verdienen viele Bergleute vergleichsweise gut für bolivianische Verhältnisse, soziale Absicherung oder Krankenversicherung gibt es jedoch oft nicht. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt Berichten zufolge deutlich unter der anderer Berufsgruppen.

    Besucher können an geführten Touren durch die Minen teilnehmen und den Arbeitsalltag der Bergleute hautnah erleben. Dabei geht es durch enge, dunkle und staubige Tunnel, in denen Temperaturen von über 30 Grad herrschen können.

    Unter anderen Umständen hätten wir eine solche Tour wahrscheinlich gemacht. In meinem gesundheitlichen Zustand und mit Michaels Körpergröße erschien uns das jedoch nicht wie die beste Idee.

    Manchmal ist Vernunft eben die spannendste Reiseentscheidung.

  • Bolivien – Busfahrt von Uyuni nach Potosi

    02.06.2026 – Heute ging es mit dem Bus von Uyuni nach Potosí. Die Fahrt dauerte etwa vier Stunden und führte durch die karge, aber beeindruckende Landschaft des bolivianischen Altiplano.

    Allerdings in Uyuni neben der Straßen liegen massenhaft Müll. Der Anblick tut schon weh.

    Die Bustickets kosteten 70 Bolivianos pro Person und konnten problemlos direkt am Busterminal gekauft werden. In Bolivien weiß man derzeit allerdings nie so genau, ob Straßen und Verkehrsverbindungen am nächsten Tag noch offen sind.

    Deshalb hatten wir vorsichtshalber noch kein Hotel in Potosí gebucht. Falls wir irgendwo festgesessen hätten, wäre das zumindest kein zusätzliches Problem gewesen. Ein kleines Problem gab es allerdings: Es gab keine Toilette an Bord. Der Fahrer saß außerdem in einem vollständig abgetrennten Fahrerabteil im unteren Bereich des Busses. Selbst wenn jemand dringend eine Pause benötigt hätte, wäre es vermutlich schwierig geworden, ihm das mitzuteilen. Zum Glück hatten wir vor der Abfahrt nicht allzu viel getrunken. So vergingen die vier Stunden erstaunlich entspannt.

    Während der Fahrt stiegen immer wieder einzelne Fahrgäste mitten im Nirgendwo am Straßenrand ein oder aus. Wie sie das organisiert hatten, blieb für uns ein Rätsel. Offenbar gibt es hier ein unsichtbares Buchungssystem, das nur Einheimische verstehen. Der Bus selbst war überraschend bequem und erreichte Potosí sogar relativ pünktlich.

    Am Busbahnhof von Potosí angekommen, organisierte Michael spontan ein Hotelzimmer in der Innenstadt, etwa 2,5 Kilometer vom Terminal entfernt. Kaum hatten wir den Bus verlassen, wurden wir bereits von mehreren privaten Fahrern angesprochen. Allerdings wollten sie uns nicht innerhalb von Potosí fahren, sondern fragten, ob wir nach Sucre möchten. Das überraschte uns etwas, schließlich waren wir gerade erst angekommen. Außerdem sollten die Straßen Richtung Sucre laut den aktuellen Informationen teilweise gesperrt sein.

    Später erfuhren wir, dass die Fahrt über Umwege trotzdem irgendwie möglich war – allerdings dauerte sie statt der üblichen dreieinhalb Stunden inzwischen rund sieben Stunden. Und war somit eine gute Einnahmequelle für die Taxifahrer.

    Die Straßen rund um den Busbahnhof wirkten laut, chaotisch und voller Verkaufsstände. Dazu kam der typische Duft einer Großstadt: eine Mischung aus Abgasen, Straßenküche und Verkehr. Dann entdeckten wir ein Taxi, mit dem wir definitiv nicht fahren wollten.

    Generell hatten wir den Eindruck, dass vermutlich mindestens die Hälfte der bolivianischen Fahrzeuge bei einer deutschen Hauptuntersuchung keine fünf Minuten überleben würde. Mehrfach gerissene Frontscheiben, fehlende oder nur noch lose befestigte Stoßfänger, halb blinde oder fehlende Scheinwerfer und Karosserieteile, die eher aus Gewohnheit als aus technischer Notwendigkeit am Fahrzeug hingen, gehörten zum alltäglichen Straßenbild.

    Besonders eindrucksvoll waren jedoch die Abgaswolken mancher Fahrzeuge. Wenn ein älterer Bus oder Lastwagen vorbeifuhr, konnte man für einen kurzen Moment den Eindruck gewinnen, die lokale Nebelsaison habe begonnen. Wer gerade tief Luft holen wollte, verschob diesen Plan besser um ein paar Sekunden. Die bolivianischen Fahrzeuge schienen nach dem Motto zu funktionieren: Solange sich etwas bewegt, ist es noch nicht kaputt.

    Andere offizielle Taxis konnten wir nicht finden. Also blieb nur eine Alternative: laufen. Das klingt zunächst harmlos. Bis man bedenkt, dass Potosí auf über 4.000 Metern Höhe liegt und wir Rucksäcke mit 16 beziehungsweise 23 Kilogramm auf dem Rücken trugen. Die Straßen führten gefühlt ausschließlich bergauf. Nach wenigen Minuten wurde klar, dass die Höhenluft keine Witze macht. Jeder Anstieg fühlte sich an, als hätte jemand heimlich die Schwerkraft erhöht.

    Hinzu kam meine beginnende Erkältung. Nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch war ich komplett erledigt und froh, als wir endlich unser Hotel erreichten.

    Nachdem wir eingecheckt hatten, machten wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem. In der Innenstadt fanden wir tatsächlich noch ein kleines Restaurant, das geöffnet hatte. Dort probierte ich K’alapurka, eine traditionelle Suppe aus dem bolivianischen Altiplano.

    Die riesige Portion kostete gerade einmal 35 Bolivianos – umgerechnet etwa vier Euro. Zubereitet wird die Suppe aus Maismehl, Kartoffeln, Fleisch und Gewürzen. Das Besondere ist jedoch die Art des Servierens: In die Schüssel wird ein glühend heißer Vulkanstein gelegt, der die Suppe bis zum letzten Löffel kochend heiß hält. Vor meinen Augen begann die Suppe zu blubbern und zu sprudeln wie ein kleiner Vulkan. Gelegentlich schoss sogar eine heiße Fontäne über den Schüsselrand. Wer beim Essen Wert auf saubere Kleidung legt, sollte vorsichtshalber etwas Abstand halten.

    Für das kalte Hochlandklima war die Suppe allerdings perfekt – und für meine Erkältung vermutlich genau die richtige Medizin.

  • Bolivien – Bruno, der vierbeinige Stadtführer von Uyuni

    Nach unserer dreitägigen 4×4-Jeep-Tour von San Pedro de Atacama nach Uyuni blieben wir noch zwei weitere Tage in der Stadt.

    Wir beschlossen zunächst abzuwarten, wie sich die Situation in Bolivien weiterentwickeln würde. Derzeit sind viele wichtige Verkehrsverbindungen durch von Demonstranten errichtete Straßensperren blockiert. Der Schwerpunkt der Proteste liegt zwar rund um La Paz, der Hauptstadt des Landes, doch auch zahlreiche bedeutende Verkehrsachsen in anderen Regionen sind betroffen.

    Die Proteste, die bereits seit Februar 2026 andauern, hatten ihren Ursprung in den schlechten Löhnen und Arbeitsbedingungen der Bergarbeiter. Inzwischen richten sie sich vor allem gegen die hohen Kraftstoffpreise und die gestiegenen Lebenshaltungskosten. Die Ursachen dafür liegen jedoch nicht allein in der aktuellen Regierung, sondern in langjährigen strukturellen Problemen und wirtschaftspolitischen Fehlentwicklungen unter den teilweise sozialistischen Regierungen vergangener Jahrzehnte. Die meisten Bolivianer wissen das, aber eine Minderheit (darunter Anhänger des letzten sozialistischen Präsidenten) nehmen das Land in „Geiselhaft“.

    Bolivien befindet sich bereits seit mehreren Jahren in einer wirtschaftlich schwierigen Lage, die durch die anhaltenden Demonstrationen und Blockaden zusätzlich verschärft wird. Kraftstoffe sind vielerorts knapp geworden. Zahlreiche Tankstellen bleiben geschlossen oder es bilden sich Warteschlangen von mehreren hundert Metern Länge. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln wird zunehmend schwieriger, da viele Waren aufgrund der Straßensperren nicht mehr zuverlässig transportiert werden können.

    Die Auswirkungen sind im Alltag deutlich spürbar: Viele Restaurants haben geschlossen oder bieten nur noch eine eingeschränkte Speisekarte an. Gleichzeitig ist die Zahl der Touristen stark zurückgegangen. Hotels, Restaurants und andere touristische Betriebe freuen sich daher über jeden Gast, der trotz der angespannten Situation ins Land reist.

    Am ersten Morgen machten wir uns direkt nach dem Frühstück auf den Weg zum Busterminal. Wir wollten herausfinden, ob überhaupt Busse nach Potosí fahren. Die Antwort fiel überraschend eindeutig aus: Ja – sogar mehrere täglich. Obwohl insgesamt nur wenige Passagiere unterwegs waren und die meisten Fahrgäste Einheimische zu sein schienen. Damit stand unserem nächsten Reiseziel nichts mehr im Weg.

    Am Busterminal begegnete uns ein großer schwarzer Hund. Zunächst schenkten wir ihm keine besondere Aufmerksamkeit. Straßenhunde gehören in Bolivien schließlich zum Stadtbild. Doch dieser Hund hatte offenbar andere Pläne.

    Er begann, uns zu begleiten. Nicht aufdringlich, nicht bettelnd und auch nicht besonders anhänglich. Er lief einfach mit. Mal neben Michael, mal neben mir. Ruhig, gelassen und mit einer Ausdauer, die jeden Wanderführer neidisch gemacht hätte. Irgendwann gaben wir ihm einen Namen: Bruno.

    Als wir das Busterminal verließen und Richtung Innenstadt spazierten, folgte Bruno uns weiterhin. Unterwegs traf er immer wieder andere Straßenhunde. Die beschnupperten sich kurz, regelten offenbar wichtige Hundegeschäfte und gingen anschließend wieder ihrer Wege. Bruno dagegen schloss sich jedes Mal wieder unserer kleinen Reisegruppe an.

    Lediglich Fahrradfahrer schienen sein Vertrauen nicht zu genießen. Mehrmals bellte er ihnen hinterher, als hätte irgendwann einmal ein Fahrrad sein Leben ruiniert. Während wir durch die Stadt schlenderten, erledigte Bruno gewissenhaft seine Revierkontrollen, markierte strategisch wichtige Punkte und führte uns dabei gleichzeitig durch Uyuni.

    An diesem Sonntag fand offenbar ein großer Straßenmarkt statt. Die Straßen waren für den Verkehr gesperrt, überall standen Verkaufsstände mit Kleidung, Haushaltswaren, Spielzeug und natürlich jeder Menge Essen. Der Duft frisch gekochter Speisen lag in der Luft.

    Die meisten Besucher waren Einheimische. Zwischen all den Menschen kamen wir uns manchmal vor wie zwei Aliens auf Landgang. Bruno hingegen gehörte eindeutig hierher.

    Mehrmals waren wir überzeugt, ihn verloren zu haben. Zu viele Menschen, zu viele Hunde, zu viele Ablenkungen. Doch spätestens fünf Minuten später tauchte er wieder auf. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck, einem Sabberfaden am Maul und der Selbstverständlichkeit eines langjährigen Reisebegleiters lief er erneut neben uns her. Michael vermutete, dass die zahlreichen Essensreste, die Bruno unterwegs erfolgreich organisiert hatte, für den erhöhten Speichelfluss verantwortlich waren.

    Tatsächlich schien er in der Nachbarschaft bestens bekannt zu sein. Ein Einheimischer, der gerade an einem Straßenstand aß, warf ihm ganz selbstverständlich ein paar Essensreste zu. Bruno nahm die Gabe mit der Routine eines Hundes entgegen, der diesen Job schon seit Jahren ausübt.

    Ich habe nie selbst einen Hund besessen, aber Bruno schloss ich erstaunlich schnell ins Herz. Er war groß, kräftig, intelligent und wunderschön. Wenn wir irgendwo stehen blieben, legte er sich einfach neben uns und wartete geduldig. Einmal streichelte ich ihm über den Kopf. Sein Fell war warm, weich und erstaunlich gepflegt. Für einen Straßenhund sah er wirklich hervorragend aus. Wären wir in Deutschland gewesen, hätte ich ernsthaft über eine Adoption nachgedacht.

    Stattdessen beschlossen wir, ihm wenigstens eine kleine Freude zu machen.

    In einer Metzgerei nahe dem Hauptplatz kauften wir eine Packung Würstchen. Als Bruno begriff, dass diese tatsächlich für ihn bestimmt waren, geriet er völlig aus dem Häuschen. Sein Schwanz wedelte so energisch, dass er mich beinahe umgerannt hätte. Michael öffnete die Packung und fütterte ihn Stück für Stück.

    Zu unserer Überraschung hörte Bruno sogar auf Kommandos. Er setzte sich brav hin und wartete geduldig auf das nächste Würstchen, als würde er seit Jahren perfekt Deutsch verstehen. Es fehlte eigentlich nur noch ein höfliches „Danke“.

    Anschließend stellten wir ihm noch Wasser hin. Die Sonne brannte kräftig vom Himmel, doch viel trinken wollte er nicht.

    Natürlich begleitete er uns danach weiter. Insgesamt lief Bruno mehr als zwei Stunden mit uns durch Uyuni, bis wir schließlich wieder unser Hotel erreichten.

    Insgeheim hoffte ich, ihn am nächsten Tag noch einmal zu sehen. Leider hatte Bruno offenbar andere Termine. Am nächsten Morgen war er verschwunden.

    Stattdessen meldete sich bei mir eine leichte Erkältung. Da wir ohnehin bereits die wichtigsten Sehenswürdigkeiten gesehen hatten, verzichteten wir auf weitere Ausflüge und machten nur noch einen entspannten Spaziergang durch die Stadt, bevor wir am Abend essen gingen. Wir haben auf Markt eine Packung Gebäck gekauft für zwischendurch. Es schmeckt lecker und kostet ca. 2 Euro.

    Von Bruno fehlte jede Spur. Und obwohl wir ihn nur wenige Stunden kannten, vermissten wir unseren vierbeinigen Stadtführer ein kleines bisschen.

  • Bolivien – 4×4 Jeep Tour nach Uyuni 🇧🇴

    28.05.2026 – Von Grenzschlangen, bunten Lagunen und frostigen Nächten

    Heute hieß es: Aufstehen um 4 Uhr. Nicht etwa, weil wir besonders motiviert waren, sondern weil die Tour nach Uyuni auf dem Programm stand. Kurz vor 5 Uhr wurden wir von einem Shuttle-Bus (Mercedes Sprinter) abgeholt, der uns zur bolivianischen Grenze bringen sollte. Da wir nur sechs Personen waren, konnten wir die Fahrt immerhin mit ausreichend Platz genießen – ein Luxus, der auf Reisen nicht selbstverständlich ist.

    Weil der erste Grenzcheckpoint erst um 8 Uhr öffnet und sich dort oft beeindruckende Warteschlangen bilden, erreichten wir ihn bereits gegen 6 Uhr. Wir standen ziemlich weit vorne am Schlagbaum – vor uns lediglich zwei weitere Fahrzeuge. Wenig später wurde auch klar, warum frühes Aufstehen hier Gold wert ist: Innerhalb von nur 30 Minuten reihten sich mindestens zehn weitere Fahrzeuge hinter uns ein.

    Also blieb zunächst nur eins: warten. Oder besser gesagt schlafen. Bei etwa -10 °C und ohne Standheizung entwickelte sich der Bus allerdings eher zum Kühlschrank auf Rädern als zum Schlafwagen. Glücklicherweise hatten uns die vergangenen Tage gut auf solche Temperaturen vorbereitet. Nach einem kurzen Nickerchen gab es gegen 7 Uhr ein kleines Frühstück direkt neben dem Auto – wahrscheinlich eines der kältesten Frühstücksbuffets unseres Lebens.

    Pünktlich um 8 Uhr öffnete sich schließlich das große Tor einer Halle neben dem Schlagbaum, und die ersten Fahrzeuge rollten hinein. Die Abfertigung dauerte pro Auto etwa zehn Minuten. Für die letzten Fahrzeuge bedeutete das über eine Stunde Wartezeit – ein weiterer Beweis dafür, dass sich unser früher Start gelohnt hatte. Nach dem Grenzübertritt ging es zum zweiten Checkpoint auf bolivianischer Seite. Dort wechselten wir in den eigentlichen Geländewagen für unsere dreitägige Tour. Unser Fahrer und Guide Edwin verstaute routiniert das Gepäck auf dem Dach, und schon konnte das Abenteuer beginnen.

    Ein weiterer Pflichtstopp folgte wenig später, um den Eintritt in den Nationalpark „Andina Eduardo Abaroa“ zu bezahlen – 150 Bolivianos pro Person. Danach ging es endlich zu den ersten landschaftlichen Höhepunkten des Tages: dem Mirador Laguna Blanca und dem Mirador Laguna Verde.

    Die Laguna Blanca verdankt ihre charakteristische weiße Farbe verschiedenen Mineralien, insbesondere Borax. Nur wenig entfernt liegt die Laguna Verde, deren grüne Färbung durch Mineralien wie Kupfer, Arsen, Blei und Magnesium sowie durch die Spiegelung des gegenüberliegenden Berghangs entsteht. Beide Seen liegen auf über 4.300 Metern Höhe am Fuße des Vulkans Licancabur. Sie sind miteinander verbunden, wobei die etwas tiefer gelegene Laguna Verde ständig Wasser aus der Laguna Blanca erhält.

    Weiter ging es in die Wüste „Salvador Dalí“. Der Name kommt nicht von ungefähr: Die bizarren Felsformationen wirken tatsächlich wie aus einem surrealistischen Gemälde des berühmten Künstlers entsprungen.

    Nach einigen Fotos führte uns die Route zu den „Aguas Termales de Polques“, den heißen Quellen. Dort warteten zwei Thermalbecken mit traumhaftem Blick auf einen See. Das erste Becken hatte angenehme 28 °C, das zweite sogar rund 38 °C. Doch bevor wir ins warme Wasser eintauchen durften, musste natürlich erst wieder Eintritt bezahlt werden – 30 Bolivianos pro Person. Bei gefühlten 5 °C Außentemperatur entwickelte sich der Sprint von der Umkleidekabine ins Wasser zu einer olympiareifen Disziplin. Die nächsten 30 Minuten genossen wir dafür umso mehr.

    Anschließend hieß es: schnell abtrocknen, mehrere Kleidungsschichten anlegen und weiterfahren.

    Nach einer kurzen Strecke wartete bereits das Mittagessen auf uns. Gut gestärkt ging es danach zu den Geysiren „Sol de Mañana“. Überall dampfte und blubberte es aus grauen Schlamm- und Wasserbecken. Dazu lag stellenweise der unverwechselbare Duft von faulen Eiern in der Luft – ein Geruch, den man nicht unbedingt vermisst, wenn er wieder verschwunden ist.

    Der nächste Höhepunkt war die Laguna Colorada – ein wahres Farbenspektakel. Das Wasser leuchtete rot durch Algen und Mineralien, weiße Boraxinseln wirkten wie Schnee- oder Eisfelder, grüne Moos- und Grasränder sorgten für weitere Farbakzente, und mittendrin stolzierten zahlreiche Flamingos durch die Landschaft. Ein Anblick wie aus einer anderen Welt.

    Am Abend erreichten wir unsere Unterkunft in Villa Mar. Die Nachttemperaturen lagen erneut bei etwa -10 °C, und eine Heizung gab es nicht. Das bedeutete: Abendessen in voller Wintermontur und Schlafen mit langen Unterhosen, Pullover, Jacke und mindestens drei Lagen Decken. Eine echte Herausforderung, die mich unweigerlich an meine Militärzeit erinnerte, als ich im Winter im Schlafsack im Wald übernachtete. Damals war es allerdings leichter, sich einzureden, dass das Spaß macht.


    29.05.2026 – Flamingos, Felsen und ein Bett aus Salz

    Nach der eisigen Nacht durften wir ausschlafen – zumindest nach den Maßstäben dieser Reise. Frühstück gab es erst um 8 Uhr.

    Der erste Stopp des Tages war „La Copa del Mundo“, der Weltcup-Felsen. Tatsächlich erinnerte die Form mit etwas Fantasie an den Fußball-Weltpokal – allerdings ungefähr dreizigmal größer. Da die Fußball-Weltmeisterschaft dieses Jahr wieder in Kanada, den USA und Mexiko ausgetragen wird, passte der Name sogar erstaunlich gut.

    Nur wenige Minuten später erreichten wir den „Roca del Camelo“, einen Felsen, der mit ausreichend Fantasie wie ein Kamel aussieht. Direkt daneben graste eine Herde Lamas, die offenbar ebenfalls beschlossen hatte, sich die Sehenswürdigkeit anzusehen.

    Weiter ging es zur „Ciudad de Piedra“, der Felsenstadt. Spektakuläre Gesteinsformationen in allen möglichen Formen und Größen ließen die Landschaft wie eine natürliche Skulpturengalerie erscheinen. Hier begegneten wir erneut einigen Bergviscachas – putzigen Tieren, die aussehen, als hätten ein Hase und ein Chinchilla gemeinsam beschlossen, ein neues Tier zu erfinden. Sie sprangen flink zwischen den Felsen umher und posierten fast schon freiwillig für Fotos.

    Der nächste Halt war die Laguna Vinto. Wieder erwarteten uns zahlreiche Flamingos und eine Herde Lamas. Diesmal trugen die Tiere bunte Bänder an den Ohren oder im Fell. Diese dienen als Kennzeichnung der jeweiligen Familie, der sie gehören. Das Wasser und die Salzkruste glänzten spektakulär in der Sonne, während Flamingos und Lamas friedlich nach Nahrung suchten.

    Nach den obligatorischen Fotos für das heimische Album fuhren wir weiter zum „Cañón de la Anaconda“. Seinen Namen verdankt der Canyon einem Fluss, der sich durch das Tal windet und aus der Vogelperspektive tatsächlich wie eine gigantische Schlange aussieht.

    Das Mittagessen nahmen wir einige Kilometer weiter bei den „Bofedales de Sora“ ein – einem Hochlandmoor beziehungsweise Feuchtgebiet. Zwischen Gräsern, Wasserflächen und Torfinseln tummelten sich zahlreiche Vögel und natürlich wieder einige Lamas. Anschließend stapften wir selbst durch das Moor und suchten unseren Weg über die Torfinseln zurück zur Straße, wo Edwin bereits geduldig auf uns wartete.

    Die nächste Etappe führte uns in das Dorf „Pueblo de Julaca“. Traditionell lebt man hier von der Lama- und Alpakazucht sowie vom Anbau von Quinoa. Das Dorf spielte einst eine wichtige Rolle beim Export von Quinoa über den chilenischen Hafen Antofagasta in alle Welt. Heute erinnern Souvenirgeschäfte, einige alte Eisenbahnwaggons und eine stillgelegte Wassertankanlage für Dampflokomotiven an diese Zeit.

    Vor der Übernachtung in einem Salzhotel stand noch ein letzter Programmpunkt auf dem Plan: Zum Sonnenuntergang wanderten wir auf einen nahegelegenen Hügel mit einer Kaktusplantage. Von dort aus konnten wir beobachten, wie die Sonne die Landschaft in warme Farben tauchte, bevor die Temperaturen erneut in den Keller rauschten.

    In der Dämmerung erreichten wir schließlich unser Salzhotel. Große Teile des Gebäudes waren tatsächlich aus Salzziegeln gebaut. Nach dem Abendessen ging es wieder bei Minusgraden ins Bett – diesmal auf Betten, deren Unterbau aus massiven Salzblöcken bestand.

    Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass wir diese Nacht buchstäblich auf dem Salz der Erde geschlafen haben.

    30.05.2026 – Sonnenaufgang, Riesenkakteen und gefrorene Wurst in Uyuni

    Heute hieß es wieder einmal: Schlaf wird überbewertet. Um 4:15 Uhr klingelte der Wecker, denn wir wollten uns den Sonnenaufgang über der Salar de Uyuni von der Isla Incahuasi (auch bekannt als Isla del Pescado oder schlicht Kaktus-Insel) nicht entgehen lassen.

    Gegen 5 Uhr starteten wir vom Salzhotel aus. Vor uns lag etwa eine Stunde Fahrt quer über die nächtliche Salzebene. Dank des beinahe vollen Mondes – es fehlte nur noch ein Tag bis zum Vollmond – war die Landschaft erstaunlich hell erleuchtet. Der Mond schien so intensiv, dass unser Auto einen deutlich sichtbaren Schatten auf die Salzfläche warf. Es wirkte, als würden wir von einem gigantischen Scheinwerfer verfolgt.

    Am Fuß der Insel angekommen begann der Aufstieg. Rund 100 Höhenmeter galt es zu überwinden, ausgestattet mit Stirnlampen, Handylichtern und einer gewissen Restmüdigkeit. Der Weg führte durch ein beeindruckendes Meer von Riesenkakteen, für die die Insel berühmt ist. Einige dieser stacheligen Riesen erreichen Höhen von bis zu zehn Metern – groß genug, um selbst eine ausgewachsene Giraffe neidisch zu machen. Oben angekommen hieß es zunächst: warten. Und frieren.

    Doch das Warten lohnte sich. Langsam schob sich die Sonne über die Bergkette am Horizont und tauchte die Insel mitsamt ihrer Kakteen in ein warmes, goldenes Licht. Die Aussicht war schlicht fantastisch.

    Nach den obligatorischen Fotos – gemeinsam mit gefühlt hundert weiteren Frühaufstehern aus aller Welt – machten wir uns wieder an den Abstieg, diesmal immerhin bei Tageslicht.

    Am Auto wartete bereits das Frühstück auf einem Salztisch mitten in der Salzwüste. Allerdings herrschten Temperaturen, bei denen selbst die Lebensmittel keine Lust auf Bewegung hatten. Die Wurst und der Käse waren so hart gefroren, dass man damit vermutlich problemlos einen Nagel in die Wand hätte schlagen können. Entsprechend saßen wir komplett eingepackt in sämtlichen verfügbaren Kleidungsschichten und versuchten, unsere Finger wiederzubeleben.

    Nach dem Frühstück ging es weiter hinaus auf die Salzebene. Dort stand die nächste wichtige Mission an: kreative Perspektivfotos. Unser Guide zeigte uns mit viel Geduld und einigen Requisiten, wie man die optischen Täuschungen perfekt in Szene setzt. Mit etwas Geschick entstanden tatsächlich jede Menge einzigartige und ziemlich lustige Bilder, die zu Hause garantiert für Verwirrung sorgen werden.

    Anschließend machten wir einen kurzen Halt bei einem ehemaligen Salzhotel mitten auf der Salzebene, das heute als Salzmuseum dient. Hier konnten wir ein Restaurant, eine Bar und verschiedene Schlafzimmer besichtigen – alles aus Salz gebaut. Natürlich durfte auch ein Souvenirshop nicht fehlen, schließlich wäre es beinahe unverantwortlich, einen Ort zu verlassen, ohne wenigstens kurz über den Kauf eines weiteren Kühlschrankmagneten nachzudenken.

    Direkt daneben befindet sich der „Forest of Flags“, eine große Plattform mit Flaggen aus aller Welt. Zwischen all den bunten Fahnen wehte auch unsere Heimatflagge im Wind und sorgte für den obligatorischen Fotostopp.

    Weiter ging es anschließend an den Rand der Salzebene nach Colchani. Dort reiht sich ein Souvenirladen an den nächsten. Angeboten werden handgefertigte Kleidung – teilweise aus Lamawolle –, Kunstwerke aus Salz sowie die Klassiker der internationalen Tourismusindustrie: Kühlschrankmagnete, Schlüsselanhänger und alles, was man eigentlich nicht braucht, aber trotzdem irgendwie kauft.

    Der nächste Programmpunkt war der Eisenbahnfriedhof am Rand von Uyuni. Auf stillgelegten Gleisen stehen hier zahlreiche alte Dampflokomotiven und Waggons, die von der Vergangenheit der Region erzählen. Die rostigen Kolosse bieten eine beeindruckende Kulisse für Fotos und erinnern an Zeiten, in denen die Eisenbahn hier eine wesentlich größere Rolle spielte. Heute verkehren Züge eher sporadisch, weshalb die meisten Reisenden lieber auf Busse oder Flugzeuge setzen.

    Gleich nebenan entdeckten wir außerdem einige Metallskulpturen, die Figuren aus bekannten Hollywood-Blockbustern darstellen sollen. Manche waren sofort erkennbar, bei anderen war etwas Fantasie gefragt. Für interessante Fotomotive sorgten sie aber allemal.

    Der letzte Stopp der Tour – und damit auch des Tages – war schließlich das Mittagessen im Zentrum von Uyuni. Nach dem Essen brachte uns unser Guide Edwin zu unserem Hotel. Damit endete nach zweieinhalb erlebnisreichen Tagen unser Abenteuer durch die Salzebene und die beeindruckenden Landschaften des bolivianischen Altiplano.

    Ein weiteres Kapitel dieser Reise hätte man problemlos unter der Überschrift „Sanitäre Einrichtungen gestern und heute“ führen können. An praktisch jedem Stopp entlang der Strecke wurden zunächst einmal 3 bis 5 Bolivianos für die Toilettennutzung fällig. Soweit noch verständlich. Weniger verständlich war allerdings, dass trotz Eintrittsgeld das Toilettenpapier häufig fehlte – sowohl an den Rastplätzen als auch in einigen Unterkünften. Mit etwas Glück befand sich direkt nebenan ein kleiner Shop, in dem man sich gegen Aufpreis mit der wertvollen Papierware eindecken konnte.

    Doch damit nicht genug. Mehrfach bestand der Spülvorgang darin, einen Eimer zu nehmen, Wasser aus einer bereitstehenden Tonne zu schöpfen und dieses anschließend eigenhändig in die Toilette zu befördern. Moderne Sanitärtechnik wurde hier eher als unverbindliche Empfehlung verstanden. Nach dem zweiten oder dritten Eimer-Spülgang fühlten wir uns zeitweise weniger wie Touristen des 21. Jahrhunderts und mehr wie Zeitreisende mit Zwischenstopp im Mittelalter.

    Natürlich gehört so etwas zum Reisen dazu und sorgt im Nachhinein für die besten Geschichten. Dennoch fiel der Vergleich zu Australien und Neuseeland schwer: Dort sind öffentliche Toiletten meist kostenlos, sauber und hervorragend ausgestattet. Hier hingegen lautete das Konzept eher: Eintritt bezahlen, Überraschung erleben und im Idealfall eigenes Toilettenpapier dabeihaben.

    Den Rest des Tages nutzten wir, um noch ein wenig durch Uyuni zu schlendern, die Stadt zu erkunden und uns von den vielen Eindrücken – und dem frühen Aufstehen – zu erholen.