Nach unserer dreitägigen 4×4-Jeep-Tour von San Pedro de Atacama nach Uyuni blieben wir noch zwei weitere Tage in der Stadt.

Wir beschlossen zunächst abzuwarten, wie sich die Situation in Bolivien weiterentwickeln würde. Derzeit sind viele wichtige Verkehrsverbindungen durch von Demonstranten errichtete Straßensperren blockiert. Der Schwerpunkt der Proteste liegt zwar rund um La Paz, der Hauptstadt des Landes, doch auch zahlreiche bedeutende Verkehrsachsen in anderen Regionen sind betroffen.

Die Proteste, die bereits seit Februar 2026 andauern, hatten ihren Ursprung in den schlechten Löhnen und Arbeitsbedingungen der Bergarbeiter. Inzwischen richten sie sich vor allem gegen die hohen Kraftstoffpreise und die gestiegenen Lebenshaltungskosten. Die Ursachen dafür liegen jedoch nicht allein in der aktuellen Regierung, sondern in langjährigen strukturellen Problemen und wirtschaftspolitischen Fehlentwicklungen unter den teilweise sozialistischen Regierungen vergangener Jahrzehnte. Die meisten Bolivianer wissen das, aber eine Minderheit (darunter Anhänger des letzten sozialistischen Präsidenten) nehmen das Land in „Geiselhaft“.
Bolivien befindet sich bereits seit mehreren Jahren in einer wirtschaftlich schwierigen Lage, die durch die anhaltenden Demonstrationen und Blockaden zusätzlich verschärft wird. Kraftstoffe sind vielerorts knapp geworden. Zahlreiche Tankstellen bleiben geschlossen oder es bilden sich Warteschlangen von mehreren hundert Metern Länge. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln wird zunehmend schwieriger, da viele Waren aufgrund der Straßensperren nicht mehr zuverlässig transportiert werden können.

Die Auswirkungen sind im Alltag deutlich spürbar: Viele Restaurants haben geschlossen oder bieten nur noch eine eingeschränkte Speisekarte an. Gleichzeitig ist die Zahl der Touristen stark zurückgegangen. Hotels, Restaurants und andere touristische Betriebe freuen sich daher über jeden Gast, der trotz der angespannten Situation ins Land reist.

Am ersten Morgen machten wir uns direkt nach dem Frühstück auf den Weg zum Busterminal. Wir wollten herausfinden, ob überhaupt Busse nach Potosí fahren. Die Antwort fiel überraschend eindeutig aus: Ja – sogar mehrere täglich. Obwohl insgesamt nur wenige Passagiere unterwegs waren und die meisten Fahrgäste Einheimische zu sein schienen. Damit stand unserem nächsten Reiseziel nichts mehr im Weg.
Am Busterminal begegnete uns ein großer schwarzer Hund. Zunächst schenkten wir ihm keine besondere Aufmerksamkeit. Straßenhunde gehören in Bolivien schließlich zum Stadtbild. Doch dieser Hund hatte offenbar andere Pläne.
Er begann, uns zu begleiten. Nicht aufdringlich, nicht bettelnd und auch nicht besonders anhänglich. Er lief einfach mit. Mal neben Michael, mal neben mir. Ruhig, gelassen und mit einer Ausdauer, die jeden Wanderführer neidisch gemacht hätte. Irgendwann gaben wir ihm einen Namen: Bruno.

Als wir das Busterminal verließen und Richtung Innenstadt spazierten, folgte Bruno uns weiterhin. Unterwegs traf er immer wieder andere Straßenhunde. Die beschnupperten sich kurz, regelten offenbar wichtige Hundegeschäfte und gingen anschließend wieder ihrer Wege. Bruno dagegen schloss sich jedes Mal wieder unserer kleinen Reisegruppe an.

Lediglich Fahrradfahrer schienen sein Vertrauen nicht zu genießen. Mehrmals bellte er ihnen hinterher, als hätte irgendwann einmal ein Fahrrad sein Leben ruiniert. Während wir durch die Stadt schlenderten, erledigte Bruno gewissenhaft seine Revierkontrollen, markierte strategisch wichtige Punkte und führte uns dabei gleichzeitig durch Uyuni.

An diesem Sonntag fand offenbar ein großer Straßenmarkt statt. Die Straßen waren für den Verkehr gesperrt, überall standen Verkaufsstände mit Kleidung, Haushaltswaren, Spielzeug und natürlich jeder Menge Essen. Der Duft frisch gekochter Speisen lag in der Luft.
Die meisten Besucher waren Einheimische. Zwischen all den Menschen kamen wir uns manchmal vor wie zwei Aliens auf Landgang. Bruno hingegen gehörte eindeutig hierher.
Mehrmals waren wir überzeugt, ihn verloren zu haben. Zu viele Menschen, zu viele Hunde, zu viele Ablenkungen. Doch spätestens fünf Minuten später tauchte er wieder auf. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck, einem Sabberfaden am Maul und der Selbstverständlichkeit eines langjährigen Reisebegleiters lief er erneut neben uns her. Michael vermutete, dass die zahlreichen Essensreste, die Bruno unterwegs erfolgreich organisiert hatte, für den erhöhten Speichelfluss verantwortlich waren.
Tatsächlich schien er in der Nachbarschaft bestens bekannt zu sein. Ein Einheimischer, der gerade an einem Straßenstand aß, warf ihm ganz selbstverständlich ein paar Essensreste zu. Bruno nahm die Gabe mit der Routine eines Hundes entgegen, der diesen Job schon seit Jahren ausübt.
Ich habe nie selbst einen Hund besessen, aber Bruno schloss ich erstaunlich schnell ins Herz. Er war groß, kräftig, intelligent und wunderschön. Wenn wir irgendwo stehen blieben, legte er sich einfach neben uns und wartete geduldig. Einmal streichelte ich ihm über den Kopf. Sein Fell war warm, weich und erstaunlich gepflegt. Für einen Straßenhund sah er wirklich hervorragend aus. Wären wir in Deutschland gewesen, hätte ich ernsthaft über eine Adoption nachgedacht.
Stattdessen beschlossen wir, ihm wenigstens eine kleine Freude zu machen.
In einer Metzgerei nahe dem Hauptplatz kauften wir eine Packung Würstchen. Als Bruno begriff, dass diese tatsächlich für ihn bestimmt waren, geriet er völlig aus dem Häuschen. Sein Schwanz wedelte so energisch, dass er mich beinahe umgerannt hätte. Michael öffnete die Packung und fütterte ihn Stück für Stück.
Zu unserer Überraschung hörte Bruno sogar auf Kommandos. Er setzte sich brav hin und wartete geduldig auf das nächste Würstchen, als würde er seit Jahren perfekt Deutsch verstehen. Es fehlte eigentlich nur noch ein höfliches „Danke“.
Anschließend stellten wir ihm noch Wasser hin. Die Sonne brannte kräftig vom Himmel, doch viel trinken wollte er nicht.
Natürlich begleitete er uns danach weiter. Insgesamt lief Bruno mehr als zwei Stunden mit uns durch Uyuni, bis wir schließlich wieder unser Hotel erreichten.

Insgeheim hoffte ich, ihn am nächsten Tag noch einmal zu sehen. Leider hatte Bruno offenbar andere Termine. Am nächsten Morgen war er verschwunden.

Stattdessen meldete sich bei mir eine leichte Erkältung. Da wir ohnehin bereits die wichtigsten Sehenswürdigkeiten gesehen hatten, verzichteten wir auf weitere Ausflüge und machten nur noch einen entspannten Spaziergang durch die Stadt, bevor wir am Abend essen gingen. Wir haben auf Markt eine Packung Gebäck gekauft für zwischendurch. Es schmeckt lecker und kostet ca. 2 Euro.

Von Bruno fehlte jede Spur. Und obwohl wir ihn nur wenige Stunden kannten, vermissten wir unseren vierbeinigen Stadtführer ein kleines bisschen.

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