Wir rollten also von Rockhampton ganz entspannt Richtung Süden – australische Entspanntheit Level 100 – und bezogen Quartier in dem sympathischen Örtchen Agnes Water. Angeblich die nördlichste Surf-Hochburg der Gold Coast. Also quasi: Gold Coast ohne Glitzer, dafür mit mehr Flip-Flops und weniger Instagram-Filter.
Erster Programmpunkt: Bustard Bay Lookout. Meerblick im 270 Grad Blick. 2 Kilometer davon entfernt gibt es einen der wenigen Orte in Queensland, wo man den Sonnenuntergang über dem Wasser sehen kann. Wir fühlten uns kurz wie Entdecker, obwohl das Schild „View sunset over water“ vermutlich täglich 200 Menschen den gleichen Aha-Moment beschert.



Am Main Beach tobten Kindergruppen bei ihren ersten Surfversuchen. Mehr Salzwasser in der Nase als Stabilität auf dem Brett – aber der Enthusiasmus war olympiareif. Am Chinamans Beach dagegen: stoische Angler, die vermutlich schon seit 1987 auf denselben Fisch warten. Goldene Strände, moderate Wellen – Postkartenidylle mit leichter Sonnencreme-Note.


Dann ging es weiter nach Bundaberg. Unser erster Stopp? Krankenhaus. Ja, richtig gelesen. Michael musste sich die Fäden ziehen lassen, die er sich zehn Tage zuvor heldenhaft in den Josephine Falls „erarbeitet“ hatte.
Den richtigen Arzt zu finden, war eine Art Schnitzeljagd für Fortgeschrittene. Wir fragten uns freundlich von Schalter zu Schalter, bis Michael schließlich per Gegensprechanlage mit einer Triage-Krankenschwester hinter Glas sprach. Es hatte leichte Gefängnisfilm-Vibes. Fenster weiter, Formulare, warten. Und dann – Überraschung! Nach nur 30 Minuten war er dran. Fünf Minuten später: Fäden raus. Kostenlos. Die Ärztin schenkte ihm sogar die Pinzette als Souvenir. Australien 1 – deutsches Gesundheitssystem 0. Ich war kurz davor, eine Dankesrede zu halten.
Natürlich darf man Bundaberg nicht verlassen, ohne die berühmte Bundaberg Rum Distillery zumindest kulturell zu würdigen. Rein wissenschaftlich haben wir kleine Fläschchen getestet. Intensiv, leicht rauchig. Sagen wir so: In der Karibik hatten wir geschmacklich schon ambitioniertere Forschungsprojekte.
Abends ging es zum Oaks Beach – Schildkrötenbabys beim ersten Sprint ins Leben beobachten. Ergebnis: keine Babys. Dafür ein Sonnenuntergang wie gemalt, mysteriöse Sandspuren und Krebse, die seitwärts schneller flüchten als wir „Foto!“ sagen konnten. Freilaufende Hunde trotz Verbots inklusive – vielleicht buchen die Schildkröten deshalb lieber andere Strände. Oder wir hatten heute einfach nur kein Glück.




Einen Tag später erreichten wir Hervey Bay. Botanischer Garten. Idylle. Und plötzlich: Eidechse. 70 cm. Mindestens. Vielleicht 80. 100 Meter weiter: Riesenspinne. Australien begrüßt einen eben herzlich.


Dann – Schildkröten-Alarm! Kaum standen wir am Wasser, schwammen 5, 10, 15 neugierige Schildkröten heran, streckten die Köpfe aus dem Wasser und schauten uns erwartungsvoll an. Offenbar sind sie hier Fütterungen gewohnt – was verboten ist. Wir hatten ohnehin nichts dabei. Also Fotos gemacht, leicht schlechtes Gewissen entwickelt und weitergezogen.


Im botanischen Garten gab es noch einen kleinen chinesische Garten mit Springbrunnen, Teichen und Bambus.

Weiter zum historischen Urangan Pier – einst 1124 Meter lang, heute immer noch beeindruckende 868 Meter. Früher Umschlagplatz für Zucker, Holz und Kohle; heute Spaziergänger und 30–40 ambitionierte Angler, die vermutlich alle denselben Fisch wie der Kollege in Agnes Water suchen.


Nächster 2-Tages-Halt: Tin Can Bay. Am nächsten Morgen zur Norman Point, wo man morgens seltene Buckeldelfine sehen kann – und gegen 15 AUD sogar füttern. Der Andrang war beachtlich. Wir entschieden uns für die Budget-Variante: aus der zweiten Reihe beobachten und Geld sparen. Delfine gesehen, Portemonnaie geschont – Win-Win.

Danach weiter nach Rainbow Beach, um alles für unsere Tour nach Fraser Island (heute offiziell K’gari) vorzubereiten. Meeting point und Parkplatzsituation erkunden. Der Strand? Endlos. So endlos, dass einige direkt mit dem Allradfahrzeug bis ans Wasser fuhren.

Hinter einem Hügel liegt der Carlo Sand Blow – erreichbar nach zehn Minuten Regenwald-Spaziergang. Und plötzlich: Wüste. Sand bis fast zum Horizont. Eine Seite Steilklippe zum Meer, die andere verläuft sich zwei Kilometer weiter wieder im Regenwald. Surreal. Als hätte jemand Sahara und Australien kurz verwechselt.

Zum Abschluss noch ein Abstecher nach Inskip Point – eine der Fährstellen nach Fraser Island. Strand, Abendlicht – und plötzlich Delfine! Und eine Schildkröte! Nur wenige Meter vom Ufer entfernt. „Schnell ins Wasser, Delfine streicheln!“, dachten wir. Die Delfine dachten: „Schnell ins tiefe Wasser, Menschen vermeiden.“ Sie gewannen.
Australien bleibt spannend – manchmal mit Surfkurs, manchmal mit Notaufnahme, manchmal mit Rumverkostung mit ausbaufähigem Ergebnis. Aber auch manchmal seltene Delfine, manchmal Wüste. Und manchmal mit 20 Schildkröten, die mehr Erwartungen an uns haben als wir an sie.

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